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Nacktheit
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Als Nacktheit bezeichnet man die Kleidungslosigkeit von Menschen und die Haar- oder Federlosigkeit von Tieren. Psychologisch bezeichnet man beim Menschen auch die mit der Nacktheit verbundene subjektive Empfindung selbst als Nacktheit oder BlöĂe im Sinne von schutzlos. Die Empfindung kann je nach Erziehung bzw. nach den UmstĂ€nden unangenehm (Scham) oder angenehm sein (GefĂŒhl der Freiheit oder Befreiung).
Das subjektive Empfinden von Nacktheit bzw. BlöĂe kann neben dem Fehlen von Kleidung auch aus dem Fehlen von Haaren oder gewohnheitsmĂ€Ăig am Körper getragenen GegenstĂ€nden wie SchmuckstĂŒcken, PerĂŒcken oder Schminke resultieren.
Contents
âą Terminologie
âą Etymologie
âą Kulturgeschichte
âą Gesellschaft
âą Kunst
âą Oben ohne
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Terminologie
Nackt bedeutet zunĂ€chst das vollstĂ€ndige Fehlen von Kleidung, Schmuck und GegenstĂ€nden am menschlichen Körper. Es kann sich aber auch nur auf das Fehlen der Kleidung beziehen. Nacktheit bezeichnet â davon ausgehend â ein sehr weites Spektrum an Emotionen und Befindlichkeiten und der Sichtbarkeit von Bereichen des Körpers, die ĂŒblicherweise aus normativen, hygienischen oder klimatischen o. Ă€. Ursachen, von Kleidung bedeckt sind. Nacktheit wird also sowohl definiert durch die Abwesenheit als auch die Anwesenheit von Kleidung, Schmuck und GegenstĂ€nden. Man kann demnach zunĂ€chst zwischen vollstĂ€ndiger Nacktheit (splitter(faser)nackt) und teilweiser Nacktheit (halbnackt) unterscheiden. âNacktheitâ kann einen nackten FuĂ meinen, dessen Sichtbarkeit keinen kulturellen Tabus unterliegt, oder das EntblöĂen des nackten Hinterns (blank ziehen) in der Ăffentlichkeit. Auch ein KilttrĂ€ger kann, wenn er auf UnterwĂ€sche verzichtet, trotz oberflĂ€chlicher Bekleidung, als unter dem Schottenrock nackt bezeichnet werden.cite-ref-1[1]
Nacktheit hat neben dem reinen Fehlen ĂŒblicher Bekleidung auch semiologische und psychologische Dimensionen. Psychologisch bedeutet Nacktheit zum einen die Empfindung von Schutzlosigkeit durch das Fehlen schĂŒtzender wĂ€rmender Kleidung, zum anderen die Realisierung von diesbezĂŒglicher Freiheit.cite-ref-2[2] Das Fehlen zum Beispiel einer Waffe, eines Fingerrings, eines Hutes, oder eines kulturell vorgeprĂ€gten Statussymbols, können das GefĂŒhl fehlenden Schutzes und damit von bloĂgestellt sein auslösen. Semiologisch meint, dass die Sichtbarkeit von Körperteilen, die ĂŒblicherweise von Kleidung bedeckt sind, abhĂ€ngig von Situation und Ort eine kulturelle Bedeutung haben, also wie ein sprachliches Zeichen funktionieren. Es ist dazu nicht notwendig, dass die Bedeutung der Zeichen bewusst reflektiert wird. Beispiele dafĂŒr sind der nackte Protest, der nach Aufmerksamkeit sucht und in der Ăberwindung der Tabus auf die Wichtigkeit des Anliegens weist; der Flitzer beim FuĂballmatch, der Mut und MĂ€nnlichkeit demonstriert; die Frauen, die in frĂŒhislamischer Zeit neben dem Schlachtfeld stehen und ihre BrĂŒste zeigen, um ihren MĂ€nnern zu erklĂ€ren, dass sie so nackt und ausgeliefert wie die Sklavinnen sein werden, wenn sie verlören; das Zeigen von Hintern oder Genital beim Anasyrma; der Exhibitionist, der andere Menschen mit seiner Nacktheit verletzen möchte. Der Verzicht auf ein Kopftuch als politisches Statement, das tiefe DekolletĂ©, ein freier Bauch oder ein Minirock kann als sexuelle Provokation, aber auch als âich bin so freiâ gemeint sein. Auch die Freikörperkultur und die Naturismus-Bewegung können als (organisierte) Befreiung von Ă€uĂeren ZwĂ€ngen verstanden werden. Die Bedeutung der Zeichen ist kĂŒnstlich, unterscheidet sich also von Kultur zu Kultur und unterliegt zudem einer zeitlichen Entwicklung (Kulturepochenbindung). So wĂŒrde ein Nacktportrait eines italienischen PrĂ€sidenten anders interpretiert werden mĂŒssen als das Nacktportrait eines römischen Kaisers.
Etymologie
Das Wort ânacktâ gehört der Ă€ltesten Schicht des deutschen Wortschatzes an. Es lĂ€sst sich bis in die Zeit des Proto-Indogermanischen zurĂŒckverfolgen und ist damit mindestens rund 5500 Jahre alt. In den meisten indoeuropĂ€ischen Sprachen gehört das Wort fĂŒr ânacktâ ebenfalls dieser Ă€ltesten Schicht an. Allerdings hat sich dieses Wort in vielen Sprachen nicht ganz lautgesetzlich entwickelt, offenbar wurde es tabuistisch entstellt. Solche verniedlichenden oder verdeckenden Wortvarianten lassen sich in vielen Sprachen, darunter im Deutschen, bis in die neueste Zeit verfolgen, beispielsweise durch die umgangssprachlichen Formen ânackigâ oder ânackendâ fĂŒr ânacktâ.
In Anlehnung an die Nacktheit Adams und Evas im biblischen Paradies, werden umgangssprachlich insbesondere nackte MĂ€nner als âmit AdamskostĂŒm bekleidetâ bezeichnet.cite-ref-3[3] Die weibliche Form âim EvakostĂŒmâ wird ebenfalls verwendet, allerdings seltener.cite-ref-4[4]
Evolutionsgeschichte
Siehe auch
:
Hominisation
und
Körperbehaarung
Haare sollen sich bei den SĂ€ugetieren vor etwa 220 Millionen Jahren entwickelt haben. Die nĂ€chsten genetischen Verwandten des Menschen, die Menschenaffen und im Speziellen der Schimpanse, besitzen ein Fell. Der Mensch ist heute als einziger Primat von Natur aus nackt, das heiĂt groĂflĂ€chig wenig behaart. VerlĂ€ssliche Aussagen zur Entwicklung der Nacktheit und des Zeitablaufes sind bisher nicht möglich, weil Haare keine Fossilien bilden. Forscher der UniversitĂ€t Utah ermittelten 2004 einen Rezeptor im menschlichen Körper, welcher ein Protein produziert, das sich auf Haut wie Haare auswirkt. Sie vermuten, dass das Protein die Haut vor Sonneneinstrahlung schĂŒtzt, was mit dem Verlust der Haare notwendig geworden sein konnte. Das geschah vor spĂ€testens 1,2 Millionen Jahren.cite-ref-5[5]
Verschiedene Theorien versuchen die evolutionĂ€re Entwicklung der Haarlosigkeit beim Menschen zu erklĂ€ren. Eine wesentliche Funktion dichter Behaarung liegt im Erhalt der KörperwĂ€rme (Thermoregulation). Daher wurde lange vermutet, dass der frĂŒhe Mensch bei höheren Temperaturen Beutetiere ĂŒber lĂ€ngere Strecken verfolgte und seinen Körper stĂ€rker kĂŒhlte, um einen Hitzschlag zu vermeiden. Diese Theorie ist Teil der widerlegten Savannen-Hypothese, da sich wenigstens der aufrechte Gang vorher entwickelt haben muss. Die Wasseraffen-Theorie dagegen konnte trotz einiger Skepsis unter Experten bisher auch nicht widerlegt werden. Danach hat der Mensch eine Zeit lang am Wasser gelebt (aquatische Phase), in der sich jene Eigenschaften entwickelt haben könnten, die untypisch fĂŒr Lebewesen sind, welche vorwiegend an Land leben, und die den Menschen von anderen Primaten unterscheiden: ein Unterhautfettgewebe, die Rudimente von SchwimmhĂ€uten, der aufrechte Gang und ĂŒberhaupt die Lagerung der ExtremitĂ€ten, die optimal an die Bewegung im Wasser angepasst scheinen. Wissenschaftler fĂŒhren an, dass ĂŒblicherweise mehrere PhĂ€nomene nicht mit einer einzigen Theorie erklĂ€rbar sind.cite-ref-6[6]
Die Beherrschung des Feuers mag daneben ein Faktor gewesen sein, vor allem in der Nacht die WĂ€rme der fehlenden Haare zu kompensieren. Wann die Gattung Homo Wildfeuer zĂ€hmen und Feuer beherrschen lernte, ist kaum nachweisbar. Die frĂŒheste, relativ sichere Feuerstelle liegt im Norden Israels in Gesher Benot Yaâaqov (GBY). Sie ist etwa 790.000 Jahre alt und könnte von Hominiden der Art Homo erectus oder Homo ergaster stammen. Generell nimmt man an, dass Homo erectus die erste Art der Gattung Homo war, die das Feuer beherrschte. Er zĂ€hlt daneben auch zu den ersten, die aufrecht gehen konnten (habituelle Bipedie) und die Jagd als wesentliches Element der Nahrungsversorgung nutzen konnten. Alle drei Faktoren können den Verlust der Haare mit bedingt habencite-ref-7[7] oder Teil des gleichen Entwicklungsprozesses gewesen sein. Eine weitere ErklĂ€rung fĂŒr den Verlust des Fells wĂ€re die geringere AnfĂ€lligkeit fĂŒr Parasiten durch fehlende Körperbehaarung.cite-ref-8[8] Schimpansen zum Beispiel verbringen etwa einen halben Tag nur mit der Fellpflege.cite-ref-9[9] HĂ€tte der jagende Homo erectus diese Zeit aufbringen können? Oder hat ihm dieser Umstand einen evolutionĂ€ren Vorteil verschafft, den er sich mit Feuer und Kleidung zu sichern lernte?
Auch die Entwicklung von Kleidung ist als thermoregulierender Faktor zu verstehen, der aber wohl nicht in direktem Zusammenhang mit dem Verlust des Fells steht. Der Biologe David Reed meint, dass der Mensch erst vor etwa 170.000 Jahren damit begonnen haben muss, Kleidung zu tragen. Die Kleiderlaus ist nĂ€mlich eine Fortentwicklung der menschlichen Kopflaus. Diese Entwicklung geschah zu diesem Zeitpunkt. Die Ursache dafĂŒr könnte die Kaltzeit vor 180.000 Jahren gewesen sein. Die Entwicklung von Kleidung in diesem Zeitraum könnte dazu beigetragen haben, dass der Mensch sich dann vor 100.000 Jahren auch im Norden ausbreitete.cite-ref-10[10]
Soziologische Auseinandersetzung mit der Nacktheit
Viele bestehende Theorien und Konzepte können bei der Untersuchung von Nacktheit nĂŒtzlich sein, und zwar fĂŒr das VerstĂ€ndnis der damit verbundenen GefĂŒhle und Verhaltensweisen.
In Norbert Eliasâ berĂŒhmtester Arbeit, Ăber den ProzeĂ der Zivilisation (2012a[1939]), hat er Theorien vorgebracht ĂŒber die VerĂ€nderung von Verhaltens- und GefĂŒhlsstandards in westlichen Gesellschaften. Er entwickelte seine Theorie auf der Grundlage von Ănderungen in den Verhaltensweisen, die er in zahlreichen BĂŒchern der Anstandsliteratur beobachtete â und in geringerem MaĂe auch in anderen Literatur- und Werkverzeichnissen der Kunst â bis ins Mittelalter zurĂŒckreichend. Elias erkannte VerhaltensĂ€nderungen ĂŒber die Zeitachse mehrerer Jahrhunderte, Ănderungen in den Standards von dem, was er als âĂ€uĂere körperliche AnstĂ€ndigkeitâ bezeichnet, einschlieĂlich derjenigen, die sich auf Manieren im Schlafzimmer, am Tisch und Themen wie Stuhlgang, Wasserlassen, Spucken oder Naseputzen beziehen. Eliasâ Theorie des Zivilisationsprozesses umfasst die Geschichte der menschlichen Emotionen, insbesondere die der Scham und Verlegenheit. Erstaunlich ist, wie er die alltĂ€glichsten und banalsten Elemente des menschlichen Alltags, die hĂ€ufig von Soziologen und Historikern entweder abgelehnt oder als selbstverstĂ€ndlich angesehen werden, in eine universellere Theorie der âVernetzungâ hinter der Funktionsweise von Gesellschaften verwandelt. Im Mittelpunkt Eliasâ Theoriebildung standen Fragen des âĂ€uĂeren körperlichen Anstandsâ. Er entschied sich, sie zu studieren, weil es Dinge waren, die von allen Menschen zu jeder Zeit und an jedem Ort behandelt werden mussten, und jede bekannte Gesellschaft hat Regeln und Tabus fĂŒr sie.cite-ref-g-rnicka-11-0[11]
Eliasâ Bericht ĂŒber VerhaltensĂ€nderungen beim An- und Ausziehen im Schlafzimmer und in der Praxis des Badens zeigt deutlich den historischen Prozess der wachsenden Distanz zwischen einem Individuum und seinem Körper, von dem allgemein und selbstverstĂ€ndlich angenommen wird, dass es eine Frage des gesunden Menschenverstandes ist, seinen Körper zu bedecken und nicht nackt vor fremden Menschen zu erscheinen. Er stellt sich gegen die Annahme, dass die Scham und Abneigung, die mit nackten Körpern einhergeht, eine ânatĂŒrlicheâ Reaktion ist und dass nur âWildeâ dazu neigen, ihr gegenĂŒber gleichgĂŒltig zu sein. Die zentrale Frage bei Elias bezĂŒglich der Nacktheit lautete: wie sind wir zu der Ăberzeugung gekommen, die die Nacktheit âunnatĂŒrlichâ und die damit verbundenen GefĂŒhle von Verlegenheit und Scham ânatĂŒrlichâ und ânormalâ machte?cite-ref-g-rnicka-11-1[11]
Kulturgeschichte
EuropÀische Kulturen
Griechische Antike
Siehe auch
:
Ideale Nacktheit#Idealisierte Nacktheit in der Antike
Im alten Athen war die (halb-)öffentliche Nacktheit den MĂ€nnern vorbehalten und galt nur bei Frauen als anstöĂig. Die Kyniker lehrten die BedĂŒrfnislosigkeit bei gleichzeitiger Ablehnung materieller GĂŒter. Vorurteile sowie Scham wurden zugunsten der als natĂŒrlich empfundenen Gegebenheiten wie Nacktheit verworfen. Das Gymnasion als Ort der körperlichen ErtĂŒchtigung belegt allein durch seinen Namen (gymnĂłs = nackt), dass Nacktheit im alten Griechenland nicht alltĂ€glich war, sondern auf besonders ausgewiesene soziale RĂ€ume beschrĂ€nkt war, ebenso wie die griechische Kunst.
Einen besonderen Stellenwert hatte die Nacktheit im antiken Griechenland im Sport. Man war ĂŒberzeugt, dass die Gymnastik die Ausbildung des Körpers zum einzigen Zweck habe, hinzu kamen WettkĂ€mpfe an den Festen der Götter zu deren Ehre. Hier galt es zu zeigen, wie weit man es in allen KĂŒnsten, die sich fĂŒr einen freien Mann schickten, gebracht habe. Schon im Jahre 720 v. Chr. wurde bei den Olympischen Spielen der Lendenschurz, mit dem die KĂ€mpfer vermutlich bis dahin bekleidet waren, bei allen Disziplinen auĂer dem Pferderennen abgeschafft (siehe Pythische und Isthmische Spiele).
Der Grund fĂŒr die Nacktheit im Stadion ist nicht gesichert. Eine Theorie besagt, einer der LĂ€ufer habe wĂ€hrend des Laufes den Schurz verloren und gesiegt. Das lieĂ die Athleten glauben, ohne Kleidung schneller sein zu können. Eine andere Vermutung besagt, ein LĂ€ufer soll den Lendenschurz verloren haben und ĂŒber ihn gestolpert sein. Zur Sicherheit sei daraufhin Nacktheit angeordnet worden. Als dritte Möglichkeit wird eine Forderung aus Sparta angenommen. Die Athleten des Stadtstaates trieben als erste nackt Sport und könnten ihren Brauch bei den Olympischen Spielen durchgesetzt haben. In Sparta als einzigem der griechischen Staaten trieben auch die MĂ€dchen Sport, nicht zusammen mit den MĂ€nnern, aber ebenfalls nackt.
Römer
Nach der Eroberung Griechenlands im Jahr 146 v. Chr. sahen die Römer keinen Anlass, die Nacktheit bei den Olympischen Spielen zu verbieten. Jedoch widersprach das EntblöĂen des Körpers den alten römischen Sitten, wie Plutarch berichtete. Und der Schriftsteller Quintus Ennius schrieb mit Blick auf die Hellenen, dass es der Schande Anbeginn sei, sich nackt in der Ăffentlichkeit zu zeigen.cite-ref-12[12] Die römische Kritik am nackten Auftreten der griechischen WettkĂ€mpfer Ă€uĂerte sich auch darin, dass die Römer mit einer Sportkleidung antraten. Cicero sah in der Nacktheit der Hellenen â insbesondere in Verbindung mit der dort gepflegten Knabenliebe â einen VerstoĂ gegen die höchsten Tugenden.cite-ref-der-sport-im-augusteischen-rom-13-0[13] In seinem ersten Buch der Schrift De officiis legt er zudem dar, dass die römische Lebensart das Nacktbaden zwischen Vater und Sohn sowie Schwiegervater und Sohn verbot. Im Rahmen der von den VĂ€tern angestoĂenen, vormilitĂ€rischen Erziehung der Söhne war das Nacktschwimmen im Tiber sowie das nackte Training in den SportstĂ€tten durchaus ĂŒblich. Der Besuch der öffentlichen Thermen fand geschlechtergetrennt statt, wobei die MĂ€nner wiederum nackt badeten, wĂ€hrend die Frauen einen Bikini trugen, wie dieser auf einem Mosaik in der spĂ€tantiken Villa Romana del Casale auf Sizilien dargestellt wird.cite-ref-der-sport-im-augusteischen-rom-13-1[13] Da es offensichtlich auch fĂŒr MĂ€nner eine Badekleidung gegeben hat, war das Nacktbaden jedoch nicht zwingend.
Der sich bereits in der römischen Gesellschaft zeigenden PluralitĂ€t der Auffassungen, die sich auch ĂŒber Normen und Werte lustig machen konnte und die Doppelmoral zur Schau stellte, versuchten einige Kaiser mit Sittengesetzen entgegenzutreten. Wurden auf der einen Seite etliche griechische Sitten als anstöĂig betrachtet, bewunderten bildungsbewusste Römer auf der anderen Seite Philosophie und Wissen aus Griechenland. Das Aufstellen vollstĂ€ndig nackter Plastiken blieb jedoch in der FrĂŒhzeit des Prinzipats sehr selten.cite-ref-west-1970-153-14-0[14] Erst im 2. Jahrhundert gewannen ĂŒberlieferte griechisch-kĂŒnstlerische Konventionen in der römischen nichtsakralen Vollplastik zeitweilig an Bedeutung. Dies zeigt beispielhaft eine ĂŒberlebensgroĂe Bronzeplastik des Kaisers Septimius Severus (regierte 193 bis 211 n. Chr.), die heute im Zypern-Museum in Nikosia ausgestellt ist. So lieĂen sich in dieser Zeit bestimmte graecophile Kaisercite-ref-15[15] wie Antoninus Pius (regierte 138 bis 161 n. Chr.) und reiche Privatpersonen in heroischer Nacktheit abbilden. Auch der von weiblichen und mĂ€nnlichen Darstellungen bekannte halbnackte Bildtypus auf MĂŒnzbildern, der eine bedeckte Scham zeigte, fand wie gĂ€nzlich nackte Darstellungen zu bestimmten Zeiten und AnlĂ€ssen auf den RĂŒckseiten römischer MĂŒnzen von der BlĂŒtezeit der Republik bis ins 3. Jahrhundert n. Chr. Verwendung. Insbesondere Götter und Halbgötter konnten so dargestellt sein. Auf einem Denar des Septimius Severus zeigt der Revers den Halbgott Hercules mit Phallus. Nacktheit wurde damit wĂ€hrend bestimmter Abschnitte römischer Geschichte ein zulĂ€ssiges Element offizieller Staatskunst.
Die körperbetonte Darstellung von Individualpersonen verlor jedoch schon im 3. Jahrhundert ihre Bedeutung und ist in der römischen Kunst des 4. Jahrhunderts â lange vor der letztendlichen Anerkennung des Christentums als Staatsreligion unter Kaiser Theodosius I. (379â395) â nicht mehr nachzuvollziehen. Die Darstellung nackter Körper stand in einem zu starken Kontrast zum römischen Empfinden, als dass sich diese jemals einer ĂŒbermĂ€Ăigen PopularitĂ€t erfreut hĂ€tte,cite-ref-west-1970-153-14-1[14] zumal die Zurschaustellung von Nacktheit auch als politisches Instrument der DemĂŒtigung diente.cite-ref-16[16] Die mit der allesbedeckenden Toga bekleidete Statue eines römischen Staatsmanns unterscheidet sich daher deutlich von entsprechenden Standbildern der Griechen.
Das auf jĂŒdischen Lehren basierende Christentum konnte sich wohl unter anderem auch aufgrund der im Judentum ebenfalls bekannten Scham gegenĂŒber der Nacktheit rasch im Römischen Reich etablieren. FĂŒr viele Bewohner sowie die römische Tradition war eine solche Einstellung also keine Neuerung. Wirkliche VerĂ€nderung brachte nur die RadikalitĂ€t, mit der ein positives VerhĂ€ltnis zur Nacktheit von kirchlichen Vordenkern und WĂŒrdentrĂ€gern vielfach bekĂ€mpft wurde.
Germanen, Kelten
Von den Germanen ist durch römische Schriftsteller ĂŒberliefert, dass sie sich durch gemeinsame BĂ€der in FlĂŒssen und Seen abhĂ€rteten und kleine Kinder teilweise nackt aufwuchsen. Von den keltischen Kriegern ist durch Schriftsteller und bildliche Darstellungen ĂŒberliefert, dass sie nackt gegen die Römer kĂ€mpften.cite-ref-17[17]
Deutschland und Mitteleuropa
Mittelalter
Auch innerhalb der westlichen Gesellschaft unterschieden sich verschiedene Epochen deutlich in ihrem NormverstĂ€ndnis gegenĂŒber dem nackten Körper. So war bis ins SpĂ€tmittelalter hinein Nacktheit in der Ăffentlichkeit nicht sonderlich tabuisiert:
âEs ergibt sich das ĂŒberraschende Resultat, dass der Anblick völliger Nacktheit die alltĂ€gliche Regel bis ins 16. Jahrhundert war.â
â
Wilhelm Rudeck
So war es ĂŒblich, nackt zu schlafen und dabei das (einzige) Bett mit der ganzen Hausgemeinschaft zu teilen.cite-ref-19[19] Das Badehandwerk und öffentliche Prostitution in BĂ€dern war allgemein akzeptiert.cite-ref-20[20]
FrĂŒhe Neuzeit
Mit Beginn der frĂŒhen Neuzeit zeigte sich â auĂer in der Kunst â eine zunehmende Verbannung nackter Körper aus dem öffentlichen Raum, wobei hier stark zwischen den StĂ€nden und sozialen Schichten unterschieden werden muss. Die einfache Bevölkerung schwamm und badete in vielen europĂ€ischen LĂ€ndern bis ins 19. Jahrhundert hinein in Seen und FlĂŒssen nackt, wĂ€hrend bei BĂŒrgertum und Adel die Körperpflege zumeist in den privaten Bereich gehörte. In Skandinavien blieb das Nacktbaden und Saunieren bis heute ĂŒblich. Im 19. Jahrhundert begann auch das einfache Volk vielerorts das ungezwungene Nacktbaden aufzugeben, denn es stiegen die sozialen Erwartungshaltungen, sich in allen öffentlichen Situationen zu bekleiden. Erstmals setzte sich Badekleidung fĂŒr Jugendliche und Erwachsene allgemein durch. Diese bedeckte damals bei beiden Geschlechtern fast den ganzen Körper und war wegen der hohen Baumwollanteile in nassem Zustand eher unbequem. Damit einhergehend wuchs das SchamgefĂŒhl, welches mit dem eigenen Körper verbunden wurde. Einen Höhepunkt dieser Entwicklung zeigte sich in der bĂŒrgerlichen PrĂŒderie des viktorianischen Zeitalters und des Wilhelminismus, die bis weit ins 20. Jahrhundert nachwirkte und insbesondere in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Höhepunkt erreichte. Das Nacktbaden kleiner Kinder und von Soldaten war von alledem ausgenommen und ist vielerorts auch heute noch ĂŒblich.
âDas individuelle SchamgefĂŒhl ist eigentlich ein Kennzeichen des BĂŒrgertums. Der BĂŒrger hat keinen Adelstitel. Er trĂ€gt seine WĂŒrde in seiner Kleidung, die das Ă€uĂere Zeichen seines Reichtums ist. Den König nackt zu sehen, tut seiner adeligen Abstammung keinen Abbruch. FĂŒr den BĂŒrger hingegen ist es eine DemĂŒtigung, wenn man ihn nackt sieht.â
â
Jean-Claude Bologne, französischer Historiker
Bereits seit dem Mittelalter waren Nacktheit und Schamlosigkeit von kirchlicher Seite zur âSĂŒndeâ erklĂ€rt; auch die Lust wurde als âsĂŒndhaftâ verurteilt.cite-ref-nackt-13-22-0[22]cite-ref-23[23] Mit dem Aufkommen des absolutistischen Staatsapparates konnten die christlichen Kirchen ihre Moralvorstellungen durchsetzen. So wurde etwa noch 1884 empfohlen, SĂ€gemehl auf das Badewasser zu streuen, damit man in der Badewanne seine eigene Scham nicht sieht.cite-ref-nackt-13-22-1[22] In diese Zeit fĂ€llt auch die Pathologisierung der Selbstbefriedigung: Es wurden schwere GesundheitsschĂ€den behauptet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versuchte man mit teilweise drakonischen Strafen, die Damen zum Tragen einer bis dato unĂŒblichen Unterhose unter dem Rock zu bewegen.
Davon unberĂŒhrt blieben kĂŒnstlerische Darstellungen nackter Personen, sofern sie eindeutig als solche zu identifizieren waren. Eine nackte Nixe erregte genauso wenig AnstoĂ wie Ădouard Manets FrĂŒhstĂŒck im GrĂŒnen. Seine Olympia lösten jedoch EntrĂŒstung aus.cite-ref-24[24]
Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts stellte sich eine Reduzierung bis hin zur Umkehrung dieser Entwicklung ein.cite-ref-25[25] Begonnen hatte es zunĂ€chst mit Aktfotos nackter oder fast nackter Frauen, die als Postkarten in groĂer Zahl gedruckt und verkauft wurden. Diese mussten allerdings zunĂ€chst wegen allgemeiner PrĂŒderie und ZensurmaĂnahmen âunter dem Ladentischâ verkauft werden. Ebenso erotische Geschichten wie der Roman Josefine Mutzenbacher. Die Darstellung nackter MĂ€nner wurde erst sehr viel spĂ€ter ĂŒblich.
EuropÀische Sicht auf fremde Kulturen
Als starken Kontrast zur zunehmenden Schamhaftigkeit im europĂ€ischen BĂŒrgertum wurden sogenannte Völkerschauen populĂ€r. Dabei wurden Personen aus den Kolonien, besonders solche mit fremdartiger Hautfarbe oder fremdartigem Aussehen, einem Zoo gleich zur Schau gestellt. Diese waren zwar nicht vollstĂ€ndig nackt, aber dennoch deutlich leichter bekleidet, als dies EuropĂ€ern â und insbesondere europĂ€ischen Frauen â jener Zeit gestattet war. âIm Namen der Wissenschaftâ durfte man solche Fremden unbekĂŒmmert anstarren und detailliert vermessen. Sogar die sonst streng zensierte Post hatte nichts gegen âhĂŒllenlose Wildeâ.cite-ref-26[26]
In Japan, das bis 1854 sehr abgeschlossen blieb, war das VerhĂ€ltnis zur Nacktheit viel offener als im viktorianischen Europa, insbesondere nahm niemand daran AnstoĂ, dass MĂ€nner und Frauen in den BadehĂ€usern gemeinsam nackt badeten. Dies fĂŒhrte in Europa zunĂ€chst zu Erstaunen, galt aber der Opposition gegen die PrĂŒderie als Zeichen dafĂŒr, dass Nacktheit â entgegen der Behauptungen insbesondere konservativ-christlicher Kreise â vom Sinnlich-Sexuellen durchaus abzugrenzen ist und nicht notwendigerweise immer zusammen auftritt. Historisch passierte allerdings zunĂ€chst das Gegenteil: Es wurden in Japan unter europĂ€ischem Einfluss entsprechende Verbote eingefĂŒhrt, vorgeblich um Japan nicht bei den Fremden lĂ€cherlich zu machen.cite-ref-27[27]
Freikörperkultur
Der ab dem spĂ€ten 19. Jahrhundert aufgekommenen Freikörperkultur (FKK) ging es um weit mehr als um die WiedereinfĂŒhrung des Nacktbadens.cite-ref-fkkhistory-28-0[28] Die FKK (anfangs wurde es auch âNacktkulturâ genannt, die Idee vom âNaturismusâ kam erst spĂ€ter auf) strebte vielmehr als Teil der so genannten Lebensreform den Ausbruch aus naturfernen und teilweise ungesunden stĂ€dtischen Lebensbedingungen an, die durch die Industrialisierung entstanden waren.cite-ref-29[29] Man traf sich in der Natur und war gemeinsam nackt. Zu ihren regionalen Ausgangspunkten gehörten das Ruhrgebiet (der erste FKK-Verein entstand 1898 in Essen) und Berlin. Es wurden Vereine und BĂ€der gegrĂŒndet, in denen man â idealerweise ohne soziale Unterschiede â zusammen war, sich duzte und versuchte, sich gesund zu ernĂ€hren. Zum organisierten FKK- und Naturismus-Leben gehörte in der Regel bis in die 1970er Jahre das rigide Tabak-, Alkohol- und Schmuckverbot. Erektionsverbote gelten unverĂ€ndert. Angestrebt wurde nicht der Genuss und nur teilweise die Entspannung, sondern vor allem mehr Gesundheit. Oft wurde dabei die Nacktheit ideologisch ĂŒberhöht, etwa im Sinne utopischer gesellschaftlicher Befreiungshoffnungen. Die Disziplin vieler FKK-Vereine war ausgesprochen streng. Teile der deutschen FKK-Bewegung hatten unter dem Motto ânackt und deutschâ sogar politische Ausrichtung nach rechts.cite-ref-30[30] Der Berliner Verein stand u. a. unter der Schirmherrschaft des Generalstabschefs Helmuth Johannes Ludwig von Moltke, der mit der öffentlichen Nacktheit Zuchtwahl-Aspekte verbinden wollte, da so die Wahrscheinlichkeit von EheschlieĂungen mit an Syphilis Erkrankten zurĂŒckginge.cite-ref-31[31] Ein weiterer Aspekt hierbei war der latente Antisemitismus, da die Beschneidung nackt entsprechend auffalle.cite-ref-32[32]
Andere FKK-Vereine, zumal die im Arbeitermilieu entstandenen, tendierten hingegen nach links. Hier spielte das Gleichheitsideal eine Rolle, weil Nacktheit soziale Unterschiede aufhebe.cite-ref-fkkhistory-28-1[28]
UnabhĂ€ngig von den GrundsĂ€tzen der Freikörperkultur galt die Nacktheit 1960er Jahren in Teilen der 68er-Bewegung als Symbol fĂŒr die Befreiung von Fesseln der Konvention und etablierte sich so als Form des Protestes. Wogegen dabei im Einzelnen protestiert wurde, ist aus heutiger Sicht oft nicht mehr ganz eindeutig. Es gab weiterhin offizielle Nackt-BadestrĂ€nde an der Nordsee, neue entstanden an der Ostsee. Im Westen nun kam die Ideologisierung jedenfalls eindeutig von links, zumal die Nacktheit oft mit einem ausgesprochenen Hedonismus und sexuellem Libertinismus verbunden wurde (Hippie-Bewegung, Woodstock). In der DDR war die Nacktheit weit mehr verbreitet als im Westen.cite-ref-33[33]
Körperliche ErtĂŒchtigung und PĂ€dagogik
Etwa gleichzeitig mit dem Erscheinen der ersten FKK-Bewegungen begann in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die amerikanische Ărztin Bess Mensendieck in Deutschland Gymnastikunterricht âausschlieĂlich fĂŒr die Frauâ zu geben. Sie wollte damit den Frauen helfen, ihren durch ArbeitsmĂŒhen, die Folgen von Schwangerschaft, falscher Kleidung und falscher ErnĂ€hrung entstellten Körper wieder ins Lot zu bringen. In ihren Gymnastikschulen lieĂ sie wie auch viele ihrer aufkommenden Konkurrentinnen die Frauen nackt trainieren, denn so waren sie frei von den einengenden Kleidern jener Zeit. Selbst in Turnvereinen, so denn Frauen ĂŒberhaupt Zugang hatten, galt die Mode als ungeeignet.cite-ref-34[34]
Die BĂŒcher, die Mensendieck schrieb, wurden zu groĂen Erfolgen. Die darin abgebildeten Ăbungen werden alle nackt prĂ€sentiert, denn nur so könne man allfĂ€llige MĂ€ngel bei den Ăbungen wirklich erkennen. Bei den Ăbungen waren die MĂ€dchen in der Regel unter sich. Die Bilder riefen die SittenwĂ€chter auf den Plan. Dies fĂŒhrte teilweise so weit, dass die Gymnastik-Nackt-Schulen (das griechische Wort gymnĂłs [ÎłÏ
ΌΜÏÏ] bedeutet nackt) verboten wurden, obwohl es keinen realen Hinweis darauf gab, dass die gemeinsame Nacktheit eine sittliche SchĂ€digung der Auszubildenden verursachen wĂŒrde.cite-ref-35[35] Hans SurĂ©n lieĂ in der Zwischenkriegszeit Offiziere wĂ€hrend der Ausbildung nackt turnen und trainieren. Obwohl er seine Ausbildung spĂ€ter völkisch idealisierte, kam er mit den Nationalsozialisten in Konflikt.
In GlĂŒsingen grĂŒndete 1926 der PĂ€dagoge Walter FrĂ€nzel das Lichtschulheim LĂŒneburger Land. Zu seinem pĂ€dagogischen Konzept gehörte die gemeinsame Nacktheit von SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern sowie den mĂ€nnlichen Lehrern.cite-ref-36[36]
Adolf Koch â Lehrer in der Zwischenkriegszeit â ging noch ein StĂŒck weiter als Mensendieck und lieĂ alle seine SchĂŒlerinnen und SchĂŒler die Gymnastik gemeinsam nackt ĂŒben. Obwohl alle beteiligten Kinder mit Zustimmung ihrer Eltern die Schule Kochs besuchten, wurde er von rechten Politikern skandalisiert und er verlor seinen Lehrerposten. Er machte dennoch auf eigene Faust weiter und konnte die politische Linke hinter sich vereinen. In vielen deutschen StĂ€dten entsandten daraufhin Lehrerseminare nach Kochs Vorbild, die allerdings 1933 wieder geschlossen wurden.cite-ref-37[37]
In der Stimmung der von der politischen Linken geprĂ€gten 68er-Bewegung begannen neuerlich einige PĂ€dagogen, die Nacktheit offen in ihren Lehrplan aufzunehmen.cite-ref-38[38] Bis heute ist der schulische Sexualkundeunterricht stark umstritten. Auf der einen Seite wollen die Eltern dieses âheikleâ Thema nicht AuĂenstehenden ĂŒberlassen, auf der anderen sind manche selbst ĂŒberfordert, weil sie nie Sexualkundeunterricht genossen haben und ihre AufklĂ€rung durch die StraĂe oder heute das Internet erfolgt war. Auch die Lehrmittel, mit denen die menschliche Biologie erklĂ€rt werden sollte, waren mehrfach Ausgangspunkt und Ziel von konservativer Kritik. So auch der deutsche Sexualkunde-Atlas. Ein Lehrmittel namens Sexbox in der Schweiz löste die Unterschriftensammlung fĂŒr die Eidgenössische Volksinitiative âSchutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Primarschuleâ aus. Die Sexbox enthielt Materialien zur UnterstĂŒtzung der Vorbereitung und DurchfĂŒhrung von Sexualkundeunterricht.cite-ref-pzbspdf-39-0[39] Hauptkritikpunkt an dieser Sexbox waren ein Holzpenis und eine PlĂŒschvagina.cite-ref-40[40]
Im 21. Jahrhundert entwickelte sich eine vorsichtigere Haltung zur öffentlichen Nacktheit. Im Zusammenhang mit Datenschutz und dem Recht an dem eigenen Bild wurde erkannt, dass gegen den eigenen Willen Bilder in sozialen Netzwerken hochgeladen und geteilt werden. WĂ€hrend es im 20. Jahrhundert normal war, dass kleine Kinder nackt spielten, glauben manche Erzieher, LehrkrĂ€fte und Eltern das heute kaum noch verantworten zu können â zu groĂ sei das Risiko, dass Unbekannte die Kinder ablichten und die Bilder ins Netz stellen.cite-ref-1-41-0[41] Insbesondere mĂ€nnlichen Erziehern und Betreuern wird in sexueller Beziehung grundsĂ€tzlich misstraut, was die BerufsausĂŒbung massiv erschweren kann.cite-ref-1-41-1[41] Seit Inkrafttreten der DSGVO im Mai 2018 dĂŒrfen grundsĂ€tzlich Kinderbilder aus KindertagesstĂ€tten und Schulen nur noch nach schriftlicher Zustimmung aller Eltern gemacht werden (DSGVO, Art. 8 Abs. 1).
Sauna
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Hauptartikel
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Sauna
Mit dem zahlreichen Aufkommen von Saunaanlagen in Mitteleuropa seit den 1970er Jahren ist das Nacktbaden dort wieder gesellschaftsfĂ€hig geworden. Ausgehend von der finnischen Saunakultur, die mit der RĂŒckkehr deutscher Soldaten aus dem Norden am Ende des Fortsetzungskriegs mitgebracht wurde,cite-ref-scheuch-42-0[42] werden Saunaanlagen in Mittel- und Nordosteuropa in der Regel nackt besucht. Eine Geschlechtertrennung in öffentlichen Anlagen ist dabei je nach Kontext möglich, im deutschsprachigen Raum aber selten.cite-ref-43[43] Dagegen ist in den LĂ€ndern West- und SĂŒdeuropas in öffentlichen Saunaanlagen in der Regel Badekleidung ĂŒblich.
Einige öffentliche Saunaanlagen in Mitteleuropa verfĂŒgen ĂŒber eine âTextilsaunaâ.cite-ref-44[44] Hier wird das Tragen von Badekleidung gefordert oder erlaubt. Auch wird bisweilen in textilfreien Saunaanlagen gefordert, auĂerhalb der Saunakabinen und Pools die Geschlechtsmerkmale mit Handtuch oder Bademantel zu verdecken.cite-ref-45[45]
Weitere Aspekte
In der Frauenbewegung, die sich gegen die mÀnnliche Dominanz in patriarchalen Gesellschaften wendet, wurde die Nacktheit von Frauen teils als vorbildlich (als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung), teils auch als verwerflich (als Vorstufe von Pornografie) bewertet.
AuĂereuropĂ€ische Kulturen
Ăgyptische Antike
Die Ă€gyptische Mode hat sich lange Zeit nicht stark verĂ€ndert. Die Menschen trugen ein Minimum an Kleidung. MĂ€nner gingen meist mit bloĂem Oberkörper, barfĂŒĂig und trugen lediglich eine Tunika um die HĂŒfte. Frauen trugen locker hĂ€ngenden Stoff. Weibliche UnterhaltungskĂŒnstler traten dagegen nackt auf.cite-ref-46[46] Kinder blieben bis zur PubertĂ€t, bis etwa zum Alter von zwölf Jahren, nackt.cite-ref-47[47] Diese offene Kleidungstradition wurde von anderen Kulturen als demĂŒtigend angesehen. Die HebrĂ€ische Bibel hĂ€lt zum Beispiel fest:
âDa sagte der Herr: Wie mein Knecht Jesaja drei Jahre lang nackt und barfuĂ umherging als Zeichen und Sinnbild gegen Ăgypten und Kusch, so wird der König von Assur die Gefangenen Ăgyptens und die Verschleppten Kuschs wegtreiben, Junge und Alte, nackt, barfuĂ und mit entblöĂtem GesĂ€Ă, zur Schande Ăgyptens.â
â
Jesaja
20,3-4
Die Darstellung von Nacktheit in Verbindung mit expliziter SexualitĂ€t findet sich nicht allzu hĂ€ufig, ist aber beispielsweise am erotisch-satirischen Papyrus von Turin nachweisbar. Hierbei erscheinen die Penisse ĂŒbermĂ€Ăig groĂ. Auch Min, der Ă€gyptische Gott der Fruchtbarkeit, wird oft mit einem mĂ€chtigen, erigierten Penis dargestellt.
Die Offenheit der Ăgypter passte manchen EuropĂ€ern der Neuzeit nicht. In Meyers Geschichte des Alten Ăgypten von 1887 erschien etwa eine Abbildung aus dem Grab des Ti verfĂ€lscht, um die gezeigten Genitalien dem Leser des Buches zu verbergen (siehe Bild). Auch in spĂ€teren Publikationen wurde die Abbildung in dieser Form ĂŒbernommen.
Indische Antike
Eine Bronze-Statuette, die in Mohenjo-Daro, der gröĂten bekannten Stadt der Indus-Kultur, gefunden wurde und auf die Zeit um 2500 v. Chr. datiert wird, zeigt eine nackte TĂ€nzerin mit Armreifen und Halskette.cite-ref-48[48] Laut Charles Fabri weisen indische Darstellungen einheimischer Frauen bis etwa zum 12. Jahrhundert meist nackte BrĂŒste und nur in wenigen FĂ€llen ein schleierartiges, durchscheinendes Tuch darĂŒber auf.cite-ref-49[49]
Japan
Das traditionelle heiĂe japanische Bad (Ofuro) wurde immer von ganzen Familien gemeinsam nackt genommen. EuropĂ€ische Missionare waren ĂŒber die dabei anscheinend fehlende Scham erstaunt. In öffentlichen BĂ€dern, in denen ausnahmslos nackt gebadet wird, wurde die Trennung nach Geschlechtern erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf Druck der USA eingefĂŒhrt. Diese Trennung besteht manchmal nur aus einem kaum kniehohen Zaun, der eher eine Markierung darstellt. In vielen natĂŒrlichen Thermalquellen (Onsen) wird seit jeher und bis heute gemeinsam gebadet.
Fast nackt wird das SumĆ-Ringen ausgetragen. Der uralte, auf das 7. Jahrhundert zurĂŒckgehende Sport wird nach traditioneller Deutung zur Freude der Götter betrieben â eine bemerkenswerte Analogie zu den griechischen Olympischen Spielen. Die Nacktheit im Bad und beim Sumo bewegt sich innerhalb genau definierter sozialer Grenzen. Ansonsten scheint Japan aus europĂ€ischer Sicht eher prĂŒde. Nacktheit am Strand ist unĂŒblich und kaum vorstellbar, in vielen Kinofilmen werden Nacktszenen nach wie vor retuschiert oder komplett geschnitten. Selbst Aufnahmen von Schlafzimmern wurden aus Filmen entfernt, um sexuelle Assoziationen zu verhindern.cite-ref-50[50] Darum war 1976 der Spielfilm Im Reich der Sinne des japanischen Regisseurs Nagisa Ćshima mit expliziten Nacktszenen ein Skandal.
Es kann allerdings bezweifelt werden, dass ein Nacktheits-Tabu tief in der Gesellschaft verwurzelt ist. Die Trennung von Staat und Religion war schon vor der Ausbreitung der Pornografie in dem Land so fortgeschritten, dass eine öffentliche âMoralâ nicht von Religionen vorgegeben wurde, sondern das Verhalten auf einem allgemeinen Konsens grĂŒndete. So erlebte die Japanische Pornografie in der Edo-Zeit (1603 bis 1868) eine BlĂŒte. GegenwĂ€rtige Tabus sind auf die Verwestlichung und Modernisierung des Landes in der Meiji-Zeit (seit 1868) zurĂŒckzufĂŒhren. Die Regierung befĂŒrchtete, dass Japan aufgrund seiner sexuellen Offenheit vom Westen als rĂŒckstĂ€ndig angesehen wĂŒrde. Erst durch das Bestreben, diese alten Zensurgesetze zu umgehen, Ausdrucksmittel zu entwickeln und Marktnischen zu finden, entwickelten sich pornografische Genres wie das Bukkake, in dem kein tatsĂ€chlicher Geschlechtsverkehr gezeigt wird, da viele MĂ€nner auf das Gesicht einer Frau ejakulieren.
Australien, Ozeanien, Afrika, Karibik, SĂŒdamerika
In vielen traditionellen Kulturen dieser RĂ€ume lebten die Menschen bis in die Neuzeit hinein fĂŒr unser VerstĂ€ndnis unbekleidet. Etwa die australischen Aborigines, Bewohner Neuguineas und mehrere Völker des Amazonasgebiets sowie im zentralen und sĂŒdlichen Afrika. In einigen dieser Kulturen hat sich diese Tradition bis heute erhalten und kaum gewandelt. Dabei wird beispielsweise von den Frauen eine dĂŒnne Schnur um die HĂŒfte getragen und von den MĂ€nnern ein Penisfutteral, welches auch mit einer Schnur um die HĂŒfte getragen wird, ohne diese sie sich aber auch nackt fĂŒhlen.
Auf Samoa und anderen Inseln Ozeaniens waren die Menschen weitgehend unbekleidet, bis sie im Zuge der Missionierung nicht nur den neuen Glauben, sondern auch die Sitten der Missionare ĂŒbernahmen. Dabei ist es bis heute geblieben, sodass es Touristen im Allgemeinen nicht gestattet ist, oben ohne am Strand zu liegen.
China
In der chinesischen Kultur hat die Nacktheit traditionell wenig Raum. In Hongkong kĂ€mpfte Anfang 2005 ein bislang rein privater FKK-Club gegen erhebliche WiderstĂ€nde um das Nutzungsrecht an einem Strandabschnitt. Es wĂ€re trotz der durchaus vorhandenen Akzeptanz der Nacktheit in vielen Kulturen Asiens der zweite (Thailand) Naturistenclub des gesamten Kontinents (auĂer an der Ă€uĂersten Peripherie Asiens in Russland und Israel).
Nacktheit und Religion
Tanach und Judentum
In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist die Nacktheit ein Symbol fĂŒr Unschuld und Unbewusstheit. Erst nachdem Adam und Eva eine verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen hatten (dem christlichen SĂŒndenfall), wurde ihnen ihre Nacktheit bewusst und sie schĂ€mten sich. Die Scham wird also theologisch als Folge dieser Erkenntnis betrachtet.cite-ref-51[51]
Die verwandten, aber nicht identischen Empfindungen genitaler Scham einerseits und Scham als Folge einer Regelverletzung und Trennung von Gott andererseits werden dabei hĂ€ufig verkĂŒrzend gleichgesetzt. Im weiteren Verlauf bleibt Nacktheit im Tanach (Alten Testament) ein Zeichen der Armut und teilweise der Schande, so bei der Deportation nackter Kriegsgefangener. Sie gilt aber nicht als schuldhaft und wird auch als prophetisches Zeichen verstanden und dabei positiv gewertet. Im spĂ€teren, orthodoxen Judentum ist Nacktheit jedoch verpönt.
Christentum
In der christlichen Tradition ĂŒberwiegt eine ambivalente Einstellung zur Nacktheit, jedenfalls eine konsequente Betonung der (nicht nur körperlich verstandenen) Schamhaftigkeit und stĂ€rker noch der Keuschheit, also der Beherrschung der Libido. Letztere war stets verbunden mit dem christlichen Verbot aller Formen der vor- und auĂerehelichen sexuellen Praxis, die sie als Unzucht bezeichneten.
Im Neuen Testament wurde die Nacktheit an sich zunĂ€chst so wenig verurteilt wie im Alten Testament. Sie galt nicht als SĂŒnde, sondern als soziales Problem, nĂ€mlich als ein sichtbares Kennzeichen der Armut, Schande und HĂ€sslichkeit (vergleiche Joh 21,7 ). So stand auch das neutestamentliche Gebot, die Nackten zu kleiden, neben der Forderung der FĂŒrsorge fĂŒr Hungernde, DĂŒrstende, Gefangene und Kranke (vergleiche Mt 25,34â40 ).
In der christlichen Geschichte gab es im Einzelnen einen recht unterschiedlichen Umgang mit der Nacktheit. Beim Besuch von GotteshĂ€usern wird traditionell die Bedeckung der Schultern und bei Frauen der Oberschenkel bis zu den Knien verlangt, bei MĂ€nnern das Tragen langer Hosen. In Anlehnung an eine Forderung des Apostels Paulus wurde und wird teilweise ein Kopftuch oder einen Schleier fĂŒr Frauen befĂŒrwortet oder verlangt. Das Verbot der Nacktheit bei den Olympischen Spielen (und dieser Spiele ĂŒberhaupt wegen ihres heidnischen Ursprungs) im Jahre 393 n. Chr. ging auf christliche Veranlassung zurĂŒck. Andererseits wurde zu fast allen Zeiten in christlichen LĂ€ndern in den GewĂ€ssern nackt gebadet.
Mit Epiphanius von Salamis setzte sich im 4. Jahrhundert die kirchenamtliche Verdammung der Nacktheit durch. Mystische kommunitĂ€re christliche Gruppen, die eine heilige Nacktheit praktizierten, oder die man ihnen nachsagte, wie die Adamiten oder die BrĂŒder und Schwestern des freien Geistes des Mittelalters, standen als Ketzer unter scharfen Verfolgungen.
Die öffentliche Nacktheit des Franz von Assisi, intendiert und von seinen Zuschauern verstanden als provozierend-schroffe Absage an jede Art von Materialismus und Konsumismus, wurde von der Kirche im Nachhinein nicht verurteilt, sondern als Hinweis auf seine Heiligkeit anerkannt. Sie wurde assoziiert mit der Nacktheit der Propheten. Auch findet sich Nacktheit in der christlichen Kunst nicht selten, dies sowohl bei der Darstellung von Adam und Eva ĂŒber die Engel bis zu bestimmten biblischen Figuren und Heiligen. Eines der berĂŒhmtesten Beispiele dafĂŒr ist das AltargemĂ€lde der Sixtinischen Kapelle im Vatikan.
Insbesondere zu Studienobjekten des nackten mĂ€nnlichen Körpers entwickelten sich die weit verbreiteten Darstellungen des Hl. Sebastian, dessen von Wunden ĂŒbersĂ€te Gestalt dem Sadismus und Voyeurismus des Betrachters ausgesetzt erscheint. Die kĂŒnstlerische Darstellung weiblicher Nacktheit im Abendland nahm ebenfalls ihren Anfang in der Aufnahme biblischer Motive wie Batseba und Susanna im Bade.
Es findet sich in den schriftlichen kirchlichen Aussagen im 20. Jahrhundert kein unmittelbares Verbot der Nacktheit, jedoch Aussagen wie âDie Nacktheit ist kein Symptom einer neuen NatĂŒrlichkeit, sondern einer erkrankten Zivilisation.âcite-ref-52[52] und im Jone zu unehrbaren Körperteilen mit deutlichen Warnungen hinsichtlich der Unkeuschheit. Das gemeinsame Wannenbad von jĂŒngeren Geschwistern in Badebekleidung wurde auch damit begrĂŒndet. In der Fachliteratur wurden weitere Folgen der leibfeindlichen kirchlichen Sexualmoral dargestellt.cite-ref-53[53]cite-ref-54[54]
Papst Johannes Paul II. entwickelte im Rahmen seiner Mittwochskatechesen seine Theologie des Leibes. Zur Nacktheit sowie der Scham nahm er Bezug auf Gen 1,31: âGott sah, dass alles, was er gemacht hatte, sehr gut warâ. Am 2. Januar 1980 fĂŒhrt er aus:
âDie Nacktheit bezeichnet das ursprĂŒngliche Gut der göttlichen Schau, sie bedeutet die ganze Einfachheit und FĂŒlle jenes Blickes, durch den sich der reine Wert des Menschen als Mann und Frau kundtut, der reine Wert des Körpers und der Geschlechtlichkeit.âcite-ref-55[55]
Schon in seinem Buch âLiebe und Verantwortungâcite-ref-56[56] hatte Karol WojtyĆa 1960 festgestellt:
âSexuelle Schamhaftigkeit kann also nicht einfach mit der Verwendung von Kleidung gleichgesetzt werden, noch Schamlosigkeit mit dem Fehlen von Kleidung und totaler oder teilweiser Nacktheit des Leibes. (S. 258) Die Nacktheit als solche ist nicht mit der Schamlosigkeit des Leibes gleichzusetzen. Die Unschamhaftigkeit ist nur dann prĂ€sent, wenn die Nacktheit eine negative Rolle im Hinblick auf den Wert der Person spielt, wenn es ihr Ziel ist, das Begehren des Fleisches zu wecken, als dessen Resultat die Person in die Position eines Objekts des Gebrauchs gebracht wird. (S. 280) Der menschliche Leib ist nicht in sich selbst schamlos, noch sind es aus denselben GrĂŒnden die sinnlichen Reaktionen und die menschliche Sinnlichkeit im Allgemeinen. Die Schamlosigkeit ist (so wie das SchamgefĂŒhl und die Schamhaftigkeit) eine Funktion des Inneren einer Person und insbesondere des Willens, der allzu leicht die sinnliche Reaktion akzeptiert und eine andere Person â wegen des âLeibes und des Geschlechtsâ der Person â auf die Rolle eines Objekts des Gebrauchs reduziert. (S. 281)â
Der Fuldaer Moraltheologe Rupert M. Scheule regt eine neue Sexualethik an unter der Perspektive Nacktsein heiĂt Menschsein, und Menschsein bedeutet Nacktsein.cite-ref-57[57]
Islam
Nacktheit ist im Islam extrem eingeschrĂ€nkt. Es existieren eine Reihe von Regeln ĂŒber die korrekte Bekleidung.
Der Bereich des Körpers, der in der Ăffentlichkeit nicht zu sehen sein soll, also der definierte Schambereich, heiĂt Aura (arabisch ŰčÙ۱۩). Die Regeln hierzu sind in den Hadith-Sammlungen ausgefĂŒhrt, die in ihrer Gesamtheit die Sunna ergeben, einem der wichtigsten juristischen BezĂŒge im Islam. In der Tradition der Sunniten reicht die mĂ€nnliche Aura vom Nabel bis zu den Knien. FĂŒr Frauen gibt es verschiedene Klassifikationen zur Aura. Traditionell ist die Aura der Frau aber auf ihren gesamten Körper bezogen. Uneinigkeit besteht darin, ob das auch fĂŒr das Gesicht, HĂ€nde und FĂŒĂe zutrifft. FĂŒr Sklavinnen daneben galt die Aura des Mannes.
In der Ăffentlichkeit tragen viele muslimische Frauen den HidschÄb und lange Kleidung, die den gröĂten Teil ihres Kopfes und Körpers bedeckt, wobei nur HĂ€nde und Gesicht zu sehen sein dĂŒrfen. Weniger streng ist das vor der eigenen Familie, wie Eltern, Kindern oder Geschwistern. Allein der Bereich zwischen Brust und Oberschenkel muss dort bedeckt bleiben.
Die in manchen islamischen LĂ€ndern gĂŒltige Scharia kennt noch schĂ€rfere Gesetze. Allerdings variiert der Grad der Bedeckung auch mit der Auslegung der Scharia und den örtlichen Gepflogenheiten. In der TĂŒrkei ist die traditionelle Form des Hidschab der ĂarĆaf, im Iran und bei den irakischen Schiiten der Tschador. In arabischen LĂ€ndern wird der Dschilbab mit einem Niqab genannten Gesichtsschleier kombiniert. In Pakistan und Indien wird der Parda getragen.
Die Darstellung von Nacktheit ist ebenso limitiert, da es Regeln zur allgemeinen Bildervermeidung in der islamischen Kunst gibt. Diese stehen in dieser Form auch in den Hadith-Texten und nicht im Koran. Daraus resultiert eine starke Tendenz zu nichtfigĂŒrlichem, ornamentalem Dekor in der islamischen Kunst. Da es keine eindeutige Grenze zwischen sakraler und profaner Kunst gibt, bleibt dieses Vermeidungsgebot nicht auf religiöse Orte beschrĂ€nkt.
Dass es heute ein groĂes SpannungsverhĂ€ltnis zur Nacktheit in islamischen Gesellschaften gibt, ist an manchen FĂ€llen zu beobachten. So erklĂ€rte Anfang 2006 ein Ă€gyptischer Rechtsgelehrter, dass Nacktheit beim Sex jede Ehe ungĂŒltig mache, woraus eine breite öffentliche Debatte resultierte. Jedoch regelt weder der Koran noch die Ăberlieferungen des Propheten, ob oder wie die Geschlechtsteile beim Sex bedeckt bleiben sollen.cite-ref-58[58]
2010 protestierten Muslime in den USA, dass Körperscanner an FlughĂ€fen islamisches Gesetz verletzen wĂŒrden. Die Fiqh Council of North America erlieĂ hierzu ebenfalls eine Fatwa. Darin hieĂ es: âDer Islam betont die ZurĂŒckhaltung (Haya) und deren Bedeutsamkeit fĂŒr den Glauben. Der Koran sagt den GlĂ€ubigen, MĂ€nnern wie Frauen, dass sie ihre Geschlechter bedecken sollen.â In den USA wurde darauf die Möglichkeit eingerĂ€umt, sich abtasten zu lassen.cite-ref-59[59]
Ende 2011 stellte eine Àgyptische Kunststudentin Fotos ins Internet, die sie nackt zeigten. Ihre Fotografien, mit denen sie gegen die Ungleichbehandlung der Frauen protestierte, lösten einen breiten Protest im Land aus.cite-ref-60[60]
Salman Rushdie schrieb in einem Essay aus dem Jahr 2005 vom subversiven Charakter der Nacktheit im Islam, worin er beschreibt, dass durch die UnterdrĂŒckung von Pornografie diese gleichsam zur Ikone der Freiheit gerĂ€t.cite-ref-61[61]
Das Bild des orientalischen Tanzes zeigt einen offenen Umgang mit Nacktheit und Körperlichkeit. Die Geschichte des orientalischen Tanzes zeigt allerdings, dass dies im Grunde ein exotistisches europĂ€isches Genre ist, das erst im 20. Jahrhundert auf den Orient zurĂŒckwirkte. Es wurde stark inspiriert von ErzĂ€hlungen wie Salome und ihrem todbringenden Tanz. Auch historische, Ă€gyptische und babylonische Elemente beeinflussten dieses Tanzgenre.
Kulturgeschichtlich ist der Umgang mit Nacktheit im Islam bis zu den UrsprĂŒngen des Koran zurĂŒckzufĂŒhren. WĂ€hrend schon die Juden und die Christen die Geschichte von Adam und Eva auch erzĂ€hlten als die Geschichte, in der sich die ersten Menschen ihrer Nacktheit bewusst werden, erzĂ€hlt der Koran eine ganz Ă€hnliche Geschichte. Eva wird zwar nicht namentlich genannt und auch ihre Entstehung wird nicht erlĂ€utert, aber das Essen der verbotenen Frucht und das Erkennen der Nacktheit. Dabei ist die Nacktheit negativ konnotiert. Das Wort fĂŒr Scham im Koran ist sawâa, was sich von sÄâa ableitet und âschlecht seinâ bedeutet.
âDann flĂŒsterte ihnen der Satan ein, damit er ihnen das enthĂŒllt, was ihnen von ihren Schamteilen verborgen war, und sagte: âEuer HERR hat euch diesen Baum nur deswegen verboten, damit ihr keine Engel werdet oder zu den Ewig-Lebenden gehört!â So betrog er sie mit TĂ€uschung. Als sie dann vom Baum gekostet haben, wurden ihnen ihre Schamteile sichtbar, und sie begannen eilends, sich mit den BlĂ€ttern der Dschanna zu bedecken. Und ihr HERR hat sie rufen lassen: âHabe ICH euch etwa nicht diesen Baum verboten und gesagt, daĂ der Satan fĂŒr euch gewiĂ ein entschiedener Feind ist?!ââ
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Sure 7
, Vers 20, 22
Nacktheit war in der islamischen Vorstellung des Paradieses nicht existent. Mit dem SĂŒndenfall fiel die paradiesische Bekleidung ab. Diese bestand aus dem Material der FingernĂ€gel. Nur ein Rest blieb an den Fingern, damit der Mensch sich an den ursprĂŒnglichen Zustand erinnere.cite-ref-nacktheit-und-scham-im-islamischen-mittelalter-62-0[62]
Es sind Geschichten aus frĂŒhislamischer Zeit bekannt, als Frauen in Schlachten ihren Schleier öffneten und den MĂ€nnern ihre BrĂŒste zeigten. Sie wollten damit keine Erregung auslösen, sondern den MĂ€nnern zeigen, welche Folgen eine Niederlage hĂ€tte, also die Gleichstellung mit den Sklavinnen mit allen Konsequenzen.cite-ref-nacktheit-und-scham-im-islamischen-mittelalter-62-1[62] Die Verschleierung als Abgrenzung zur Sklavin wurde schon im Koran betont. In vorislamischer Zeit war eine Verschleierung nicht gefordert.
â
Sure 33
, Vers 59
Kommentatoren bestimmten maĂgeblich die Auslegung des Korans. Ahmad ibn Hanbal (780 bis 855), einer der BegrĂŒnder der vier sunnitischen Rechtsschulen, erkannte auch in FuĂsohlen und FingernĂ€geln die Aura der Frau. Traditionell wird der Körper der Frau als omnisexuell betrachtet:
âDas die Frau bestimmende primĂ€re Geschlechtsteil, ihre Vagina, wird auf den ganzen Körper ĂŒbertragen â die Frau ist regelrecht eins mit ihr. Jeder Teil ihres Körpers ist fĂŒr den mĂ€nnlichen Betrachter mit sexuellen Reizen angefĂŒllt und stellt somit bei der EnthĂŒllung und Sichtbarwerdung eine Gefahr nicht nur fĂŒr den Mann, sondern fĂŒr die Gesellschaft und die Ordnung als solche dar.â
â
Pökel: Nacktheit und Scham im islamischen Mittelalter, S. 152
Bis heute wird von manchen Gruppierungen und auch Regierungen der Ausschluss der Frau aus dem politischen Diskurs begrĂŒndet mit der weiblichen Stimme als angeblichem Teil ihrer Aura, die in der Ăffentlichkeit zu bedecken wĂ€re.
Hinduismus
Im Jainismus gibt es seit Ă€ltesten Zeiten Digambaras genannte Mönche, die nackt oder fast nackt unter Bekleideten leben. Das Wort bedeutet âdie Luftgekleidetenâ.
Auch die Sadhus (hinduistische Asketen) leben gesellschaftlich akzeptiert und hoch geachtet nackt unter Bekleideten. Ihre Zahl wird heute auf mehrere Hunderttausend geschÀtzt.
Gesellschaft
In verschiedenen Kulturen ist Nacktheit unterschiedlich verbreitet und wird unterschiedlich bewertet. In der Regel gehört die zumindest partielle Bedeckung des Körpers, vor allem der primĂ€ren und sekundĂ€ren Geschlechtsmerkmale, in der Ăffentlichkeit zur kulturellen Norm. Das VerstĂ€ndnis dieser Norm unterliegt aber deutlichen Schwankungen und die Schwellenwerte, welcher Grad an Nacktheit akzeptiert wird oder nicht akzeptiert wird, können je nach Kultur, Epoche, sozialer Situation, Lebensalter und individuellen Ansichten variieren. WĂ€hrend in vielen Kulturen Nacktheit in der Ăffentlichkeit bei vielen Menschen ein GefĂŒhl der Verlegenheit, der Scham oder der sexuellen Anregung auslöst, so ist zumindest innerhalb der westlichen Welt Nacktheit oft in Umgebungen akzeptiert, in denen Menschen sich allgemein wenig bekleiden (Sauna, Strand, Duschen und Umkleidekabinen in Sporteinrichtungen etc.).
Auch innerhalb der westlichen Welt kann die Schamschwelle unterschiedlich hoch liegen. So zeichnen sich sowohl die katholisch geprĂ€gten LĂ€nder SĂŒdeuropas sowie die englischsprachigen, puritanisch geprĂ€gten LĂ€nder durch eine prĂŒdere und restriktivere Haltung gegenĂŒber Nacktheit aus. In Mitteleuropa und Skandinavien liegt eine höhere Akzeptanz fĂŒr Nacktheit in der Ăffentlichkeit vor. So bedecken sich US-Amerikaner selbst wĂ€hrend Ă€rztlicher Untersuchungen mit einem Kittel und tragen in der Sauna Badekleidung, wĂ€hrend zum Beispiel viele Skandinavier unter bestimmten UmstĂ€nden (in einer öffentlichen Sauna oder am Strand) gĂ€nzliche Nacktheit als unproblematisch empfinden. Auch an vielen französischen, belgischen, niederlĂ€ndischen und deutschen StrĂ€nden und Seen ist vollstĂ€ndige Nacktheit hĂ€ufig anzutreffen, wĂ€hrend das z. B. an StrĂ€nden im streng katholischen Polen verpönt oder verboten ist. Auch in Umkleidekabinen und Duschen gibt es regionale und individuelle Unterschiede: WĂ€hrend in Duschen von Fitnessstudios, Sporthallen und Ă€hnlichen Sporteinrichtungen in der Regel nackt geduscht wird, tragen in SchwimmbĂ€dern manche GĂ€ste auch unter der Dusche ihre Schwimmsachen, wĂ€hrend andere nackt duschen. HĂ€ufig wird in SchwimmbĂ€dern aus HygienegrĂŒnden das nackte Duschen bevorzugt, da es die Reinigung des gesamten Körpers vereinfacht.
Auch in Parks finden sich bei entsprechenden Temperaturen oft Menschen, die sich nackt sonnen. Ein bekanntes Beispiel in Deutschland ist der Englische Garten in MĂŒnchen: Nachdem seit den 1970er-Jahren die Nutzung des Parks durch nackt Sonnenbadende stetig zunahm, wurde dies 1982 offiziell genehmigt.cite-ref-64[64] Zwei Areale wurden fĂŒr die Freikörperkultur zur Nutzung ausgewiesen.cite-ref-65[65] In manchen Parks wird auch spontan nackt gesonnt, ohne dass dort FlĂ€chen entsprechend ausgewiesen wurden.
Insgesamt lĂ€sst sich die soziale Akzeptanz von Nacktheit an der Verbreitung des Nacktbadens in der Natur oder in Saunen und Badeanlagen ablesen. Die insgesamt gröĂere Akzeptanz der Nacktheit hat wohl mit dazu gefĂŒhrt, dass die Bedeutung von Vereinen zur Pflege der Freikörperkultur zurĂŒckgeht.
In den USA löste die SĂ€ngerin Janet Jackson wĂ€hrend des Super Bowl 2004 einen Skandal aus, als ihr wĂ€hrend eines Auftritts in der Halbzeitpause das Kleid verrutschte und fĂŒr wenige Sekunden ihre linke Brust sichtbar wurde. Das Ereignis beschĂ€ftigte ĂŒber Monate die US-Medien und Justiz und ging als Nipplegate-Skandal in die Mediengeschichte ein.cite-ref-66[66] 2008 erregte ein Werbeplakat der Royal Academy of Arts in London Aufregung, weil auf diesem das GemĂ€lde einer nackten Frau, die Venus von Lukas Cranach aus dem 16. Jahrhundert, zu sehen war. Die Kampagne fĂŒhrte zu Protesten muslimischer Einwanderer und Boykott der Londoner Verkehrsbetriebe.cite-ref-67[67] Im selben Jahr machte ein deutsches Kinderbuch von Rotraut Susanne Berner Schlagzeilen, welches in den USA nicht auf den Markt kommen durfte. Grund war die wenige Millimeter groĂe, gezeichnete Abbildung des Penis eines Kleinkinds.cite-ref-68[68] Im Gegensatz dazu finden in manchen progressiven Gegenden der USA NacktlĂ€ufe und andere Nackt-Events statt, die beispielsweise in Deutschland mit den gesetzlichen Vorgaben ĂŒber Nacktheit im öffentlichen Raum kollidieren wĂŒrden; siehe Abschnitt Nackt-Paraden, -Fahrrad- und -Laufevents.
In Frankreich wurde 2023 eine Lehrerin bedroht, nachdem sie im Unterricht das GemĂ€lde âDiana und Actaeonâ des italienischen Malers Giuseppe Cesari aus dem 17. Jahrhundert gezeigt hatte, das eine Szene aus der griechischen Mythologie zeigt und auf dem einige nackte Frauen abgebildet sind. Nachdem sie das Bild im Unterricht gezeigt hatte, empörten sich einige muslimische SchĂŒler und ihre Eltern. Nach Drohungen gegen die Lehrerin musste sie dem Unterricht fernbleiben und aus SolidaritĂ€t mit ihrer Kollegin wie auch aus Angst um die eigene Sicherheit blieb auch das restliche Kollegium zuhause, so dass die Schule zunĂ€chst geschlossen blieb.cite-ref-69[69]cite-ref-70[70]
Das Aufkommen neuer Massenmedien wie das Privatfernsehen in Deutschland in den 1980er Jahren und spĂ€ter das Internet haben die VerfĂŒgbarkeit von Darstellungen nackter Menschen deutlich erhöht. An der gesellschaftlichen Bewertung der Nacktheit hat dies wenig geĂ€ndert, vielmehr handelt es sich meist um neue Vertriebswege der Pornographie, also der kommerziell verwerteten und zudem meist sexualisierten Nacktheit nach dem Prinzip âSex sellsâ (frei ĂŒbersetzt: âSex verkauft (sich) gutâ).
In Naturvölkern gibt es hĂ€ufig ein fundamental anderes VerstĂ€ndnis von Nacktheit. So gibt es indigene Völker wie die Yanomami, denen eine Schnur in der Lendengegend ausreicht, um sich bedeckt zu fĂŒhlen, die sich ohne diese Schnur jedoch nackt fĂŒhlen. Das andere Extrem ist die Verwendung der Burka oder des Niqab, einer Form der Ganzkörperverschleierung von Frauen im Islam. Durch die kulturelle Ăberlieferung ist hier eine Art Wettbewerb zur Vermeidung von Nacktheit entstanden. Ziel war dabei die Vermeidung von TriebgefĂŒhlen bzw. die möglichst strikte Befolgung religiöser Vorschriften. Im Extremfall kann bereits der Anblick der Arme, des Gesichtes oder der Haare einer Frau vom Betrachter oder von der Gesehenen als Nacktheit empfunden werden.
In einem muslimischen Umfeld ist eine öffentliche Nacktheit im Allgemeinen nicht gestattet. Manche muslimische Familien verbieten ihren Töchtern die Teilnahme am geschlechtergemischten schulischen Schwimmunterricht, weil der Islam die EntblöĂung unbekleideter Haut vor fremden mĂ€nnlichen Personen nicht gestattet. In Deutschland entschied 2013 das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) im Burkini-Urteil, dass muslimische SchĂŒlerinnen regelmĂ€Ăig keine Befreiung vom koedukativen Schwimmunterricht verlangen können, wenn ihnen die Möglichkeit offensteht, hierbei einen sogenannten Burkini zu tragen.cite-ref-71[71]
Kunst
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Hauptartikel
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Akt (Kunst)
Der nackte menschliche Körper ist ein klassisches Thema der bildenden Kunst, insbesondere der Zeichnung, Malerei und Skulptur. Ein solches Werk wird seit dem 19. Jahrhundert Akt genannt.
Schon steinzeitliche Idole lassen Nacktheit erkennen, zum Beispiel bei der Venus von Willendorf. An die idealisierte Nacktheit der Griechischen Antike knĂŒpfte die Kunst der Renaissance an, zum Beispiel Michelangelo, der auch die Heiligen oder den gekreuzigten oder auferstandenen Christus nackt darstellte. Solche Bilder, die Genitalien zeigten, ĂŒbermalte man nachtrĂ€glich, was hĂ€ufig erst in jĂŒngerer Zeit durch die Röntgenfotografie entdeckt wurde. Teilweise wurde bei solchen GemĂ€lden wieder der Ursprungszustand hergestellt. Auch bei vielen Skulpturen, die einen nackten Penis darstellten, wurden diese Bereiche abgeschlagen, so dass diese Kunstwerke unwiederbringlich beschĂ€digt wurden.
Eine neuere Form kĂŒnstlerischer Nacktheit ist die Aktfotografie. Sie hat sich zu einer eigenen Kunstform entwickelt und wird in renommierten Museen ausgestellt oder in aufwendig gestalteten BildbĂ€nden oder Kalendern prĂ€sentiert. In den ersten Jahren der Fotografie machten die extrem langen Belichtungszeiten, in der Regel zwischen 10 und 30 Minuten, Fotografien von Menschen zu einem schwierigen, wenn nicht gar unmöglichen Unterfangen. Erst die Entwicklung lichtempfindlicherer Platten und verbesserter Objektive ermöglichte PortrĂ€taufnahmen allgemein und Akte im Besonderen. In neuerer Zeit verwischt teilweise die Grenze zwischen Aktfotografie und Performance, beispielsweise in den Werken des US-Amerikaners Spencer Tunick, der seit den frĂŒhen 2000er-Jahren groĂe Menschenmassen nackt in der Ăffentlichkeit ablichtet und sie als Teil der Landschaft inszeniert.
Auch in anderen KĂŒnsten ist Nacktheit ein Ausdrucksmittel etwa im Theater, im Film, in der Aktionskunst und in der Literatur (siehe Nacktheit (Motiv)). Im 20. Jahrhundert schrieben auch Autoren den Auftritt nackter Figuren in ihren TheaterstĂŒcken vor, etwa Ădön von HorvĂĄth in Geschichten aus dem Wiener Wald. Salome in Richard Straussâ gleichnamiger Oper steht am Ende ihres berĂŒhmten Tanzes der sieben Schleier in vielen Inszenierungen nackt auf der BĂŒhne.
Eine lange Tradition hat Nacktheit auch in den Pariser Revuetheatern, wo sie als Mittel der Inszenierung die Schönheit des Körpers feiern soll. Beispiele sind die Revuen der weltbekannten Cabarets âLidoâ und âMoulin Rougeâ. Auch das Londoner âWindmill Theatreâ war in den 1930er-Jahren fĂŒr seine Lebenden Bilder bekannt, wo nackte Frauen Motive der Kunstgeschichte nachstellten und durch die unbewegliche Körperhaltung die strenge Zensur umgingen. In den 1970er-Jahren war am New Yorker Broadway die Revue Oh! Calcutta!, in der die Darsteller in den meisten Szenen nackt auftreten, fĂŒr kurze Zeit die am lĂ€ngsten laufende Broadway-Show.
In frĂŒheren Filmen war Nacktheit kaum zu sehen und sorgte auch fĂŒr Skandale. So rief der Willi-Forst-Film Die SĂŒnderin im Jahr 1951, in dem Hildegard Knef in einer kurzen Nacktszene zu sehen war, deutschlandweit Empörung hervor. Durch Proteste der katholischen Kirche wurde der Film, an dem auch die Thematisierung der Tabus Prostitution und Suizid kritisiert wurde, zu einem der gröĂten Skandale im deutschen Nachkriegskino: mit DemonstrationszĂŒgen fĂŒr und gegen Die SĂŒnderin, verbarrikadierten Kinos, Verbot des Films in zahlreichen deutschen und europĂ€ischen StĂ€dten, Klageverfahren bis hin zum Bundesverwaltungsgerichtcite-ref-72[72] und Bundesgerichtshof.cite-ref-73[73] In Folge der massiven Proteste und der Verunglimpfung Knefs verlieĂ sie Deutschland und kehrte nach Hollywood zurĂŒck, wo sie bereits Ende der 1940er-Jahre gelebt hatte und im Jahr 1950 die US-amerikanische StaatsbĂŒrgerschaft angenommen hatte.
Im Film Promises! Promises! aus dem Jahr 1963 war Jayne Mansfield die erste bekannte US-amerikanische Schauspielerin, die in drei Szenen nackt vor der Kamera zu sehen war. Seit einem Grundsatzurteil des Obersten Zivilgerichts des Staates New York aus dem Jahr 1956 zur Frage, ob die Darstellung von Nacktheit im Film per se den Tatbestand der ObszönitĂ€t erfĂŒlle, galt, dass Nacktheit an sich, solange sie ohne FrivolitĂ€t, AnzĂŒglichkeit oder sexuelle Andeutungen dargestellt wird, nicht als obszön bzw. anstöĂig im Sinne der Zensurvorschriften zu bewerten sei. Das Urteil wurde im Juni 1957 durch die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten âRoth vs. United Statesâcite-ref-74[74] mehr oder weniger bestĂ€tigt, als immer die tatsĂ€chlichen UmstĂ€nde der Darstellung im jeweiligen Einzelfall darĂŒber entscheiden wĂŒrden, ob etwas als obszön zu gelten habe. In der Folgezeit entwickelte sich mit den sogenannten Nudies ein eigenes Genre. Ziel der Produzenten war es, viel nackte, vorzugsweise weibliche Haut zu prĂ€sentieren, meist, indem die Handlung des Films unter Nudisten spielte oder die Schauspielerinnen ausgiebig beim Baden, Duschen oder Schwimmen gefilmt wurden. Hauptkennzeichen war, dass keine dieser Szenen je in Verbindung mit sexuellen Handlungen oder entsprechenden Andeutungen stand. Russ Meyer begann seine Karriere als Regisseur mit zahlreichen Nudies. Es dauerte bis 1962, ehe sich ein etablierter weiblicher Star bereit erklĂ€rte, nackt vor der Kamera zu agieren. Marilyn Monroe absolvierte in Somethingâs Got to Give einige Nacktszenen, die sie beim Baden in einem Swimming-Pool zeigen. Der Film wurde allerdings nicht fertiggestellt und so agierte Jayne Mansfield gut ein Jahr spĂ€ter als erster Star nackt.
Im Rahmen der 68er-Bewegung setzte auch im Film ein Wandel ein, der in Deutschland in den AufklĂ€rungsfilmen von Oswalt Kolle, den Report-Filmen oder auch im Komödiengenre in den Lederhosenfilmen Niederschlag fand. Die deutsche Sketch-Fernsehserie Klimbim, die von 1973 bis 1979 mit insgesamt 30 Episoden im Fernsehen ausgestrahlt wurde, war neben ihren erotischen Anspielungen und der aufreizenden Kleidung der Darstellerinnen auch fĂŒr offen gezeigte Nacktheit bekannt. Gerade diese anti-prĂŒde Ausrichtung fĂŒhrte nicht nur zu einem groĂen Publikumserfolg, sondern auch zu einer Auszeichnung durch die seinerzeit als eher konservativ geltende Jury des Adolf-Grimme-Preises im Jahr 1975. Ein Beleg fĂŒr die liberaler werdende Haltung zu öffentlicher Nacktheit war auch der Umstand, dass es der Serie immer wieder gelang, namhafte national und international bekannte Stars fĂŒr Gastauftritte zu gewinnen.
International ist die israelische Teenager-Komödien-Reihe Eis am Stiel zu nennen, die von den spĂ€ten 1970er-Jahren bis weit in die 1980er-Jahre hinein in insgesamt acht Filmen immer wieder auch leicht bekleidete oder ganz nackte Darsteller zeigte und teilweise auch Sexszenen beinhaltete, die zwar nicht pornographisch waren, die jedoch dazu fĂŒhrten, dass die Filme in vielen LĂ€ndern nur zensiert zu sehen waren. Die Filme waren, gerade auch in Deutschland, sehr erfolgreich und die spĂ€teren Teile wurden als israelisch-deutsche Koproduktionen hergestellt. Auch die französische Emmanuelle-Reihe brachte es seit Mitte der 1970er-Jahre mit Nacktheit und Erotik zu internationaler Bekanntheit. Insbesondere Filme aus Frankreich und Schweden waren fĂŒr ihre teilweise freizĂŒgigen Darstellungen bekannt. So wurde der Begriff âSchwedenfilmâ, der zuvor noch eine andere Bedeutung gehabt hatte, zum Synonym fĂŒr entsprechende skandinavische Filme, die die NatĂŒrlichkeit des nackten Körpers nicht verbargen.cite-ref-75[75] Zu dieser Zeit bezog sich Nacktheit oft nur auf weibliche Nacktheit, wĂ€hrend der mĂ€nnliche Penis nur selten zu sehen war. Im Jahr 1980 war der bis dahin unbekannte Darsteller Christopher Atkins im Film Die blaue Lagune komplett nackt zu sehen.
Seitdem hat sich Nacktheit im Film (sowohl im Komödiengenre als auch in Filmen mit ernster Thematik) weitestgehend als Stilmittel etabliert und ruft heute kaum noch Zensur-Rufe nach sich. So ist beispielsweise die Komödie American Pie: Das Klassentreffen aus dem Jahr 2012, in der der Penis des Hauptdarstellers Jason Biggs zu sehen ist, in Deutschland mit einer FSK-Freigabe ab 12 Jahren versehen. Im ernsten Genre haben zum Beispiel die Literaturverfilmung Maurice aus dem Jahr 1987, in dem der Penis von Rupert Graves zu sehen ist, und das oscar-prĂ€mierte Drama Der Vorleser aus dem Jahr 2008, in dem sowohl die BrĂŒste der Hauptdarstellerin Kate Winslet als auch der Penis des Hauptdarstellers David Kross zu sehen sind, beide in Deutschland eine FSK-Freigabe ab 12 Jahren erhalten.
Wenn die Nacktheit explizit mit SexualitĂ€t in Verbindung gebracht wird und auch der sexuelle Akt gezeigt wird, wird die Altersfreigabe jedoch hĂ€ufig angehoben. Ein Beispiel ist der Film Die TrĂ€umer aus dem Jahr 2003, der vor dem Hintergrund der Unruhen von 1968 in Paris die erotischen Erfahrungen von zwei jungen MĂ€nnern mit einer jungen Frau schildert. In diesem Film werden die drei Hauptdarsteller nicht nur nackt gezeigt, sondern es sind auch Sexszenen zwischen den dreien zu sehen. Aus diesem Grund wurde der Film in Ăsterreich erst ab 14 Jahren und in Deutschland erst ab 16 Jahren freigegeben. Dass die EinschĂ€tzung zur Altersfreigabe in verschiedenen LĂ€ndern stark abweichen kann, zeigt die deutsche Serie Babylon Berlin: WĂ€hrend diese in Deutschland ab 12 Jahren freigegeben wurde, ist sie in Spanien erst ab 18 Jahren freigegeben.
Obwohl Nacktheit im Film heute akzeptiert ist, werden dramaturgisch notwendige Nacktszenen immer noch hĂ€ufig so gedreht, dass Geschlechtsteile und weibliche BrĂŒste fĂŒr den Zuschauer nicht zu sehen sind. Dies geschieht hĂ€ufig durch die Wahl eines geeigneten Bildausschnitts, die Perspektive der Aufnahme oder durch Bettlaken und GegenstĂ€nde im Bild, welche die entsprechenden Stellen verdecken. Der auf der Fernsehserie Die Simpsons basierende Animationsfilm Die Simpsons â Der Film greift diese Vorgehensweise parodistisch auf, indem die Figur des Bart Simpson nackt auf einem Skateboard fĂ€hrt, wobei sein Penis stĂ€ndig durch BĂŒsche, einen Bauzaun, einen fliegenden Ball, eine Taube, einen Wasserstrahl und Ă€hnliche, plötzlich an der entsprechenden Stelle auftauchende, GegenstĂ€nde verdeckt wird, bis dann in einer Szene das Bild durch einen Holzzaun und anschlieĂend durch einen Busch ausgefĂŒllt wird, die eine LĂŒcke lassen, so dass dort Barts Penis zu sehen ist.cite-ref-76[76]
Nacktheit im öffentlichen Raum
Freikörperkultur und Tourismus
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Hauptartikel
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Freikörperkultur
SpĂ€testens seit den 1930er Jahren gewann das gemeinsame Nacktbaden an einigen Nord- und OstseestrĂ€nden (Sylt, Mecklenburg; in Berlin damals teilweise âschwedisch badenâ genannt) und in Teilen Istriens wieder eine gewisse Verbreitung, ohne unmittelbare BezĂŒge zur Freikörperkultur zu haben. Die AnfĂ€nge gehen weiter zurĂŒck.cite-ref-77[77] So bemerkte der LiteraturnobelpreistrĂ€ger Gerhart Hauptmann, der die Insel Hiddensee regelmĂ€Ăig besuchte, zu seinem 1916 dort begonnenen Roman Die Insel der groĂen Mutter: âIch hĂ€tte sie wohl nie geschrieben, hĂ€tte ich nicht jahrelang auf Hiddensee die vielen schönen, oft ganz nackten Frauenkörper gesehen und das Treiben dort beobachtet.âcite-ref-78[78]
Nackt zu baden war seitdem (wieder) nicht nur eine Sache einsamer Seen und Buchten, sondern begann allmĂ€hlich ein â wenn auch zunĂ€chst minimaler â Faktor des Fremdenverkehrs zu werden. Im Jahre 1950 öffnete an der französischen AtlantikkĂŒste die erste naturistische Ferienanlage (Montalivet-les-Bains) ihre Pforten. In den 1950er Jahren begann in Deutschland die offene gesellschaftliche Akzeptanz des Naturismus in Vereinen und im Urlaub. Diese Akzeptanz nahm ab den 1960er Jahren stark zu und parallel dazu wuchs die Zahl und GröĂe der FKK-StrĂ€nde genannten NacktbadestrĂ€nde und der naturistischen CampingplĂ€tze und Feriendörfer.cite-ref-79[79]cite-ref-tz-80-0[80] FĂŒr Club-Anlagen wurde offensiv mit der Möglichkeit zur Nacktheit geworben.cite-ref-81[81]
Heute ist der Naturismus in vielen europĂ€ischen LĂ€ndern, vor allem in Frankreich, Deutschland, Kroatien, den BeneluxlĂ€ndern und in Skandinavien, ein etablierter Zweig des Sommertourismus. Allein in Frankreich existieren mehr als hundert kommerzielle naturistische Urlaubsanlagen. Auch in der Naherholung hat der Naturismus heute eine groĂe Verbreitung, die Zahl der Möglichkeiten zum Nacktbaden an Seen, FlĂŒssen und StrĂ€nden geht allein in Deutschland in die Tausende.cite-ref-tz-80-1[80]cite-ref-82[82]
Auch in Staaten und Regionen, wo öffentliche Nacktheit aufgrund gesellschaftlicher Konventionen vielerorts als verpönt gilt (wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika), gibt es teilweise abgeschlossene Bereiche, wo Nudisten sich frei bewegen können.
Gesundheitlich-hygienische Aspekte
Die FKK-Bewegung des 20. Jahrhunderts begrĂŒndete die Nacktheit mit gesundheitlichen Argumenten. So wurden von dem Schweizer Lebensreformer Arnold Rikli bereits 1853 Sonnen- und Luftbaden empfohlen, das ohne Kleidung seine volle Wirkung entfalten sollte.
Vieles davon ist aus heutiger Sicht ĂŒberholt. Gegen Rachitis, Mangel an Vitamin D und andere gesundheitsschĂ€dliche Folgen von Sonnenmangel, schlechter ErnĂ€hrung und beengten WohnverhĂ€ltnissen hilft das Baden und der Sport an der frischen Luft mit Bekleidung so wirksam wie ohne. Jedoch kann das Vermeiden nasser Badebekleidung vor BlasenentzĂŒndungen schĂŒtzen.
In der Sauna ist Nacktheit ĂŒblich, zumindest in LĂ€ndern mit ausgeprĂ€gter Saunatradition wie den mittel- und osteuropĂ€ischen LĂ€ndern sowie in Skandinavien.cite-ref-83[83] In öffentlichen Saunen ist dabei oftmals Nacktheit vorgeschrieben, das heiĂt ein Betreten des Saunabereichs in Badebekleidung ist nicht gestattet. Die BegrĂŒndung hierfĂŒr liegt meist in hygienischen Aspekten, da sich in der Badebekleidung der SchweiĂ und somit Keime und Bakterien sammeln können. DarĂŒber hinaus ist das Saunieren mit unbedeckter Haut gesĂŒnder und effektiver, da die heiĂe Luft ungehindert zirkulieren kann. Entsprechendes gilt auch fĂŒr die auf den Saunagang folgende AbkĂŒhlphase.cite-ref-84[84]cite-ref-85[85]
Positiv wirkt sich ein offener Umgang mit der Nacktheit auf das Körperbild aus. Die psychischen Auswirkungen der Freikörperkultur, wie beispielsweise eine gröĂere Zufriedenheit mit dem eigenen Körper, die Emanzipation gegenĂŒber herrschenden Schönheitsidealen sowie die Akzeptanz der eigenen wie auch fremder Makel, können als die wesentlichen, positiven Auswirkungen betrachtet werden.cite-ref-88[88]cite-ref-89[89]
NacktgÀrtnern
Der World Naked Gardening Day (NacktgĂ€rtnern-Tag) wird seit 2005 zelebriert, seit 2006 jeweils Anfang Mai. Der Tag ist nicht politisch motiviert und soll den Menschen helfen, sich in ihrer Haut wohlzufĂŒhlen.cite-ref-90[90]
In Deutschland ist durch das Grundgesetz mit dem Schutz der Wohnung auch das GrundstĂŒck geschĂŒtzt und damit das Recht verbunden, sich in beliebiger Kleidung â also auch nackt â aufzuhalten. Auch dann, wenn z. B. der Garten durch andere einsehbar ist. Im eigenen Garten darf man sich daher sowohl nackt sonnen als auch nackt gĂ€rtnern oder andere AktivitĂ€ten ausĂŒben. UnberĂŒhrt sind damit Fragen einerseits der Höflichkeit und andererseits des Selbstbewusstseins und des Mutes, diese Freiheit und dieses Recht wahrzunehmen.cite-ref-91[91]
Sport
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Hauptartikel
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Nacktsport
Bei den Olympischen Spielen der Antike der Jahre 776 v. Chr. bis 393 n. Chr. wurden ab 720 v. Chr. die meisten Wettbewerbe von den Athleten nackt ausgetragen (sogenannte gymnische Disziplinen). Nur bei den Pferderennen waren die Athleten bekleidet.
In allen Kulturen und Epochen wurde auĂerdem nackt geschwommen und gebadet, wenn auch oft nach Geschlechtern getrennt. Der Naturismus ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert hat zu einer Wiederentdeckung der Nacktheit beim Sport gefĂŒhrt; zu den beliebtesten Sportarten im Naturismus gehören Schwimmen, Volleyball, PĂ©tanque (Boule), Federball (Badminton), Indiaca, Tischtennis, BogenschieĂen, Segeln, Surfen und Wandern. Meistens werden im Naturismus Sportarten ohne oder mit wenig Körperkontakt bevorzugt, auĂerdem natĂŒrlich solche Sportarten, in denen Kleidung nicht als Schutz (Fechten) oder aus anderen GrĂŒnden (Judo) benötigt wird.
Nackt-Paraden, -Fahrrad- und -Laufevents
Zahlreiche Paraden, Sportveranstaltungen und Events finden mit öffentlicher Nacktheit statt, ohne immer zwingend der Philosophie von Naturismus oder der FKK zu folgen. Denn meist stehen dabei der SpaĂ und die Freude am Nacktsein im Vordergrund, wie beispielsweise beim jĂ€hrlichen World Naked Gardening Day.cite-ref-92[92] DarĂŒber hinaus tragen einige dieser Veranstaltungen eine politische Botschaft beziehungsweise haben Protestcharakter. So hat der Tiger Streak den Anspruch, Aufmerksamkeit fĂŒr bedrohte Arten herzustellen. Der World Naked Bike Ride protestiert gegen die Benachteiligung von Radfahrern im StraĂenverkehr. Die Normalisierung und erhöhte Akzeptanz von Nacktheit im öffentlichen Raum geht mit diesen Veranstaltungen einher.
Internationaler Naturistenlauf
Im Jahr 2008 wurde die Idee eines Internationalen Naturistenlaufes durch Peter Kaye erstmals im Rahmen des an der Ostsee stattfindenden FKK-Familientreffens âMee(h)r erlebenâ initiiert. Nach zweijĂ€hriger Pause erfuhr der Lauf durch Franz Dirscherl eine Wiederbelebung. Unter seiner Regie entwickelte sich der Internationale Naturistenlauf zur gröĂten wettkampfmĂ€Ăigen Laufveranstaltung der naturistischen Bewegung. Diese Laufveranstaltung ist ein Breitensportangebot, an dem neben professionellen LĂ€ufern auch viele Freizeitsportler teilnehmen. Alle Teilnehmer laufen nackt. Nur Laufschuhe, Socken, Kopfbedeckung und fĂŒr Frauen ein Sport-BH sind erlaubt. An Disziplinen werden ausgetragen: 500 Meter-Nachwuchslauf, 5.000 Meter und 10.000 Meter Laufen, sowie 5.000 Meter Walking und Nordic Walking.
Im Jahr 2008 starteten 69 Teilnehmer, 2016 waren es 208 Aktive. Die LĂ€ufer kommen aus Deutschland, DĂ€nemark, Schweden, Finnland, Niederlande, Frankreich, Spanien, Schweiz, Ăsterreich und sogar aus Indien, Indonesien, Australien, Amerika, Venezuela und der Dominikanischen Republik.cite-ref-93[93]
Andere FKK-Vereine haben den Gedanken aufgegriffen. So veranstaltet auch der Naturisten Camp Sonnensee/BffL Hannover e. V. im Rahmen der 1. Sonnenseespiele 2019 einen Naturistenlauf.cite-ref-94[94]
Naked Pumpkin Run
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Hauptartikel
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Naked Pumpkin Run
Der Naked Pumpkin Run ist ein alljĂ€hrlich zu Halloween stattfindender Nacktlauf in verschiedenen StĂ€dten der Vereinigten Staaten. Er wird seit 1998 in mehreren groĂen StĂ€dten der USA durchgefĂŒhrt. Teilnehmer des Laufes tragen das typische Symbol fĂŒr Halloween, den ausgehöhlten KĂŒrbis, der auch namensgebend fĂŒr die Veranstaltung ist.
Bay to Breakers
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Hauptartikel
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Bay to Breakers
Bay to Breakers ist ein jĂ€hrlicher Volks- und StraĂenlauf ĂŒber 12 km in San Francisco. Der Lauf fĂŒhrt von der Bucht von San Francisco (engl. bay) durch die Stadt bis an den Pazifischen Ozean, wo die Wellenbrecher (engl. breakers) auf den Ocean Beach prallen. Obwohl dies kein expliziter Nackt-Lauf ist, nehmen dennoch zahlreiche Teilnehmer spĂ€rlich bekleidet oder ganz nackt an dem Lauf teil.
Nakukymppi
Der Nakukymppi ist eine spielerische Laufveranstaltung in PĂ€ijĂ€t-HĂ€me, Finnland. Dabei werden zehn Kilometer zurĂŒckgelegt. Es wurde von der Gemeinde Padasjoki in der Provinz PĂ€ijĂ€t-HĂ€me betrieben. Die Veranstaltung ist jĂ€hrlich und lĂ€uft vor dem Morgen. Die erste Nakukymppi wurde 2003 durchgefĂŒhrt. Das Motto der Veranstaltung lautet ânatural moving in natureâ.
Nach den Regeln des Nakukymppi sollen die Teilnehmer nur Schuhe, Socken und Kopfbedeckungen tragen. Das Laufen findet im Wald statt und danach wird den Teilnehmern eine Sauna angeboten. Die Teilnahme ist kostenlos. Jeder Teilnehmer erhÀlt ein Diplom und die drei schnellsten Frauen und MÀnner erhalten ein Preisgeld.
Tiger Streak
Der Tiger Streak wird von der Zoological Society of London organisiert und jĂ€hrlich im London Zoo abgehalten. Der Nacktlauf hat den politischen Anspruch, auf den Artenschutz, insbesondere fĂŒr den Sumatratiger, aufmerksam zu machen. Viele Teilnehmer tragen Tigermasken oder Bodypaintings mit Tigerstreifen. Neben dem Benefiz- und Wettkampfaspekten steht der SpaĂ der Teilnehmer im Vordergrund.cite-ref-95[95]cite-ref-96[96]
Pamplona-Proteste von PETA
Um gegen die traditionelle Stierhatz durch die StraĂen von Pamplona zu demonstrieren, laufen seit 2002 Aktivisten der Tierrechtsorganisation PETA zwei Tage vor dem ersten Stierrennen nackt durch die StraĂen von Pamplona. An der Veranstaltung nahmen 2007 circa 1500 Menschen aus 30 LĂ€ndern teil.
Roskilde Naked Race
Auf dem Musikfestival Roskilde in DĂ€nemark hat sich inzwischen das vom Festival-Radio organisierte, alljĂ€hrliche Naked Race (dĂ€n.: nĂžgenlĂžbet) etabliert.cite-ref-97[97] Dabei treten ca. 30 der insgesamt 115.000 Festivalteilnehmer zu einem Nacktlauf an, bei dem die Gewinner ein Ticket fĂŒr das nĂ€chstjĂ€hrige Festival bekommt. Das Rennen hat inzwischen Kultstatus. Das Rennen hat reinen SpaĂcharakter, die Gewinnerin des Jahres 2009 beschreibt die Erfahrung mit den Worten: The best thing about being naked is that you transcend boundaries (dt.: Das beste am Nacktsein ist, seine Grenzen zu ĂŒberschreiten).cite-ref-98[98]cite-ref-99[99]
World Naked Bike Ride
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Hauptartikel
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World Naked Bike Ride
Der World Naked Bike Ride (WNBR) ist gemÀà Definition auf der Webseitecite-ref-100[100] ein internationales Protestevent mit SpaĂcharakter gegen den Raumbedarf des Automobilverkehrs und dessen Gefahren fĂŒr andere Verkehrsteilnehmer. Daneben gerĂ€t auch immer mehr das Thema Abgasbelastung und AbhĂ€ngigkeit von fossilen Brennstoffen in den Vordergrund. Neben den politischen Forderungen soll auch eine positive Einstellung zur Nacktheit gefördert werden.
Der WNBR findet seit 2001 regelmĂ€Ăig jedes Jahr im Juni statt. Ausgetragen wird der WNBR in zahlreichen StĂ€dten weltweit, wobei der gröĂte ârideâ in London stattfindet, die GrĂŒndungsstadt ist Saragossa in Spanien.cite-ref-101[101]cite-ref-102[102] Dabei wird Wert auf Freiheit und OptionalitĂ€t gelegt. Das Fahrradfahren ist nicht verbindlich, ebenso sind andere nicht-motorisierte Teilnehmer wie Inliner, Skateboarder, FuĂgĂ€nger willkommen, ebenso ist Nacktheit fĂŒr die Teilnahme nicht verbindlich. Das Motto der Kleiderordnung lautet âbare as you dareâ (so nackt, wie du dich traust).
Die Botschaft liegt darin, sich frei und uneingeschrĂ€nkt im StraĂenraum bewegen zu können, ohne die Rechte anderer einzuschrĂ€nken und so zu einem positiven, urbanen LebensgefĂŒhl beizutragen.cite-ref-103[103] Es soll wĂ€hrend der Fahrt eine lustige und eindringliche AtmosphĂ€re erzeugt werden, die die Aufmerksamkeit und Phantasie des Publikums und der Medien auf sich zieht und das Erlebnis fĂŒr die Fahrer persönlich macht. Jeder Teilnehmer soll sich dabei selbst so zum Ausdruck bringen, wie es ihm gefĂ€llt. Body Art, wie Bodypainting, sind gĂ€ngige Ausdrucksformen, aber auch KostĂŒme, KunstfahrrĂ€der, tragbare Beschallungssysteme (wie Beschallungsanlagen, Stierhörner und Boomboxen) und Musikinstrumente oder andere Arten von Instrumenten. Pre- und Post-Ride-Parties sind zu Events fĂŒr sich geworden, oft mit Musikgruppen, DJs, Bodypainting, temporĂ€ren Bauten/Installationskunst, politischen Aktionen und Catering.
Fremont Summer Solstice Parade
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Fremont Solstice Parade
In Seattles Stadtteil Fremont findet jĂ€hrlich im Juni zur Sommersonnenwende eine groĂe Nackt-Parade statt, die den lĂ€ngsten Tag des Jahres feiern soll. Die Teilnehmer bewegen sich hauptsĂ€chlich auf FahrrĂ€dern, die sogenannten âPainted Cyclistsâ. Die Parade wird vom Fremont Arts Council organisiert.
Ăhnlich wie beim World Naked Bike Ride (WNBR) stellt die Nacktheit der Teilnehmer ein Element dar, ist jedoch nicht verbindlich. Ebenfalls analog zum WNBR haben die Teilnehmer die Freiheit, auf beliebigen GefĂ€hrten teilzunehmen, mit der EinschrĂ€nkung, dass diese nicht motorisiert sein dĂŒrfen. Teil der Veranstaltung sind oft ĂŒberlebensgroĂe Puppen, Wagen und StraĂenkĂŒnstler. Die Parade ist bekannt fĂŒr das hohe AusmaĂ an Körperbemalung â die meisten der Teilnehmer sind mehr oder weniger bemalt. Der SpaĂ sowie der kunstvolle, kreative Ausdruck stehen hier im Vordergrund, wĂ€hrend der politische Anspruch â im Gegensatz zum WNBR â geringer ausgeprĂ€gt ist. Damit die Parade nicht fĂŒr politische oder andere Botschaften missbraucht wird, ist eine der Grundregeln ein Verbot gedruckter Texte und Logos. Stattdessen sollen Botschaften auf kreativ-kĂŒnstlerische Art und Weise vermittelt werden.cite-ref-104[104]
Begleitet wird die Parade von Musikern, StraĂentheater und anderen StraĂenkĂŒnstlern, die dem Ganzen den Charakter eines Volksfestes geben. Vor Beginn der Parade treffen sich die âPainted Cyclistsâ bereits zu einer âPainting Partyâ, wo sie sich anmalen und gegenseitig Tipps geben.
Festivals
Auf vielen Musik- und Kunstfestivals wie dem Melt, der Fusion oder dem Roskilde-Festival ist Nacktheit normaler Bestandteil. Teilnehmer baden oder tanzen mitunter nackt, was von der Festivalleitung meist toleriert wird. Das Burning-Man-Festival wird von etlichen Teilnehmern komplett nackt gefeiert.
Neben dieser spontanen Nacktheit existieren auch Festivals wie das Pashut Festival in Israel, die sich klar als FKK-Veranstaltungen sehen und Nacktheit ausdrĂŒcklich fordern.
Nacktheit und politischer Protest
Ein historisches Beispiel fĂŒr Nacktheit als Mittel des Protests ist die Legende der Lady Godiva. Von dieser GrĂ€fin des 11. Jahrhunderts wird erzĂ€hlt, dass sie nackt, nur von ihrem langen Haar bedeckt, durch Coventry geritten sei, um damit gegen die hohe Steuerlast der BĂŒrger zu protestieren.
Um Aufmerksamkeit auf sich und seine Forderung zu lenken, stand Friedensreich Hundertwasser bei seiner diesbezĂŒglichen âNacktrede fĂŒr das Anrecht auf die dritte Hautâ 1967 in MĂŒnchen nackt zwischen zwei unbekleideten Frauen. Seine zweite Nacktrede fand 1968 in Wien statt.cite-ref-106[106]
Gleiches gilt fĂŒr Protestaktionen, bei denen die Demonstranten unbekleidet einzeln oder in groĂen Menschenansammlungen die Ăffentlichkeit suchen.cite-ref-107[107] Bekannt sind zum Beispiel Demonstrationen der Organisation PETA gegen das Tragen von Pelzen, bei denen die Teilnehmer mit ihrer Nacktheit neben der erhöhten Aufmerksamkeit auch einen Bezug zwischen nackter Haut und dem Pelz herstellen. Oft stellen sich hierfĂŒr auch Prominente zur VerfĂŒgung, wie zum Beispiel die deutsche Band No Angels.cite-ref-108[108]
Die feministische Gruppe FEMEN aus der Ukraine wurde durch öffentliches EntblöĂen international bekannt und hat mittlerweile auch in zahlreichen anderen Staaten AnhĂ€ngerinnen, die mit Oben-Ohne-Protesten gegen Sexismus demonstrieren wollen. Auch in Deutschland hat Femen schon mehrere entsprechende Aktionen durchgefĂŒhrt, fĂŒr die sie teilweise mit GeldbuĂen belegt wurden.
Auch in Afrika gibt es eine Tradition von Nackprotesten, wie der Historiker Wolfgang Kraushaar hervorhebt.cite-ref-0-109-0[109] 2002 protestierten Aktivistinnen in Nigeria beispielsweise gegen die negativen Konsequenzen der Ălforderung von Chevron-Texaco und entgingen so einer Verhaftung durch das MilitĂ€r.cite-ref-0-109-1[109]
Zum Teil sind bei Nacktprotestaktionen die Grenzen zwischen einer Protestaktion einerseits und der kĂŒnstlerischen Gestaltung flieĂend, wie bei verschiedenen Aktionen des Fotografen Spencer Tunickcite-ref-110[110] oder bei öffentlichen Studentenprotesten gegen KĂŒrzungen im Bildungswesen.cite-ref-111[111] 2004 protestierte die italienische Schauspielerin Monica Bellucci gegen das Verbot kĂŒnstlicher Befruchtung in Italien, indem sie sich nackt auf dem Titelblatt der italienischen Ausgabe von Vanity Fair abbilden lieĂ.cite-ref-112[112]
Die von Prominenten wie Miley Cyrus, Jennifer Aniston, Rihanna und anderen unterstĂŒtzte Kampagne Free The Nipple setzt sich dafĂŒr ein, dass Frauen in der Ăffentlichkeit genauso âoben ohneâ erscheinen und ihre Brustwarzen zeigen dĂŒrfen, wie es fĂŒr MĂ€nner auch selbstverstĂ€ndlich ist.
Kommerzielle Aspekte
Nacktheit wird oft als Mittel eingesetzt, die Aufmerksamkeit potentieller Konsumenten auf ein Produkt oder eine Werbebotschaft zu lenken. Nackte Personen, oft auch in Verbindung mit Body painting, werden als WerbetrĂ€ger oder zum Verteilen von Flyern auf öffentlichen Veranstaltungen eingesetzt. In der Werbung und auf TitelblĂ€ttern von Zeitschriften und Magazinen werden oft nackte oder leicht bekleidete Menschen abgebildet, selbst wenn die Nacktheit in keinem Bezug zum Inhalt steht; in Italien wird sogar fĂŒr Tierfutter mit nackten Menschen geworben.cite-ref-113[113]
Dabei soll einerseits die erotische Wirkung genutzt werden, insbesondere bei gegengeschlechtlichen Personen. Andererseits funktioniert Nacktheit auch unabhĂ€ngig davon, weil sie in der Ăffentlichkeit selten ist und nicht erwartet wird. Mit zunehmender Nacktheit in Medien und Ăffentlichkeit lĂ€sst die Wirkung jedoch nach, da eine Gewöhnung in der Bevölkerung einsetzt, und Nacktheit wird zunehmend zur NormalitĂ€t und verliert ihre Signalwirkung.
Der kanadische Fernsehsender Naked News, dessen Programm aus Nachrichten und Informationssendungen besteht, setzt ausschlieĂlich nackte Reporter und Moderatoren ein. Der Sender, welcher mit dem Anspruch antritt, seriöse Inhalte zu vermitteln, will somit einen zusĂ€tzlichen Reiz bieten und das eigene Programm gegenĂŒber der Konkurrenz positionieren.cite-ref-114[114] Unter den Titeln Adam sucht Eva â Gestrandet im Paradies und Naked Attraction vermarktet die RTL Group TV-Datingshows, in denen sich die Kandidaten nackt kennenlernen.
WĂ€hrend die Freikörperkultur in ihren AnfĂ€ngen als alternative Lebensform in Abgrenzung zu BĂŒrgertum und Establishment existierte, setzte im Laufe des 20. Jahrhunderts ebenso eine zunehmende touristische Kommerzialisierung ein. Inzwischen sind touristische Angebote fĂŒr Naturisten wie FKK-Camping, FKK-Resorts und Ferienanlagen oder auch Spezialangebote wie FKK-Kreuzfahrten zu einem wirtschaftlich bedeutsamen Segment der Tourismusbranche geworden, fĂŒr die sich auch das Kofferwort Natourismus etabliert hat.cite-ref-115[115]
In Deutschland wird der Markt fĂŒr Nackterholung auf etwa zehn Millionen Urlauber jĂ€hrlich geschĂ€tzt. FĂŒhrende Reiseziele in diesem Segment sind derzeit Frankreich und Kroatien. Allein in Frankreich gibt es ĂŒber 100 naturistische Feriendörfer und CampingplĂ€tze. Deren jĂ€hrlicher Umsatz erreicht einen dreistelligen Millionenbetrag.
Juristische Aspekte öffentlicher Nacktheit
In den meisten LĂ€ndern ist Nacktheit in der Ăffentlichkeit nicht explizit verboten.
Deutschland
Die Nacktheit in der eigenen Wohnung sowie auf dem eigenen GrundstĂŒck ist grundsĂ€tzlich erlaubt, auch bei Einsehbarkeit der Wohnung zum Beispiel durch fehlende VorhĂ€nge. So urteilte das Amtsgericht Merzig, dass das nackte Sonnen auf dem Balkon mit Ausnahmen erlaubt ist. Auch störe es nicht den Hausfrieden der nicht im selben Haus wohnenden Nachbarn. Sie mĂŒssen dann ihr nacktes GegenĂŒber dulden. Auch das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) entschied, dass ein nackter Vermieter im Hinterhof kein Mietmangel sei und eine Mietminderung nicht rechtfertige.cite-ref-116[116]cite-ref-117[117] In den Jahren 1920, 1965, 1985 soll es bereits Ă€hnliche Urteile gegeben haben.cite-ref-118[118]cite-ref-119[119]
Wenn die Nacktheit zu erwarten ist, dann wird sie nicht geahndet: âgegenĂŒber frĂŒheren Zeiten eine unbefangenere und freiere Einstellung hinsichtlich nackten Badens an StrĂ€nden oder in SchwimmbĂ€dern â in SchwimmbĂ€dern dĂŒrfte allerdings nur âoben ohneâ ĂŒblicher geworden sein â, auch wenn es sich nicht um ein abgeschlossenes FKK-Areal handelt, breiten Raum gewonnen hat; insbesondere an den Baggerseen und Nebenarmen des Rheines mag in bestimmten Bereichen Nacktbaden ĂŒblich sein. Der Bevölkerung sind diese Verhaltensweisen in bestimmten Bereichen aber durchaus gelĂ€ufig, jeder kann sein Verhalten durch die Wahl seines Badeortes danach ausrichten.âcite-ref-120[120]
Unerwartete Nacktheit im öffentlichen Raum, derart, dass anderen den Anblick des nackten Körpers aufgedrĂ€ngt wird, kann als âBelĂ€stigung der Allgemeinheitâ nach § 118 OWiG i. V. m. § 17 mit einer GeldbuĂe zwischen 5 und 1000 Euro geahndet, wobei in nicht unerheblichen FĂ€llen auch die wirtschaftlichen VerhĂ€ltnisse des TĂ€ters in Betracht kommen.cite-ref-owig118-121-0[121] Im Falle hartnĂ€ckiger Wiederholung kommt die Festsetzung eines Zwangsgelds in Betracht,cite-ref-122[122] beispielsweise beim Nacktsport.cite-ref-123[123]
Faktisch kommt es darauf an, ob jemand behauptet, belÀstigt zu werden und deswegen Strafverfolgung verlangt, was sehr selten ist.
Die Nacktheit im öffentlichen Raum wird aber meist nach den Polizeigesetzen der LÀnder als Verstoà gegen die öffentliche Ordnung angesehen und mit einem sog. Platzverweis geahndet.cite-ref-124[124]
Verboten ist die Erregung öffentlichen Ărgernisses durch sexuelle Handlungen in der Ăffentlichkeit. Durch Gerichtsentscheidungen zur Freiheit der Kunst sind im Theater sowie im Rahmen von so genannter Aktionskunst auch sexuelle Handlungen in der Ăffentlichkeit zulĂ€ssig.
Schweiz
Die gesetzliche Regelung in der Schweiz ist bezĂŒglich des Strafgesetzbuches Ă€hnlich liberal wie in Deutschland, nachdem 1991 die entsprechenden Abschnitte gelockert wurden.cite-ref-kettiger-125-0[125] Diese Strafrechtsreform wurde vom Volk in einer Referendumsabstimmung am 17. Mai 1992 gutgeheiĂen. GemÀà Art. 194 und 198 ist nur Exhibitionismus strafbar, d. h., es muss, zusĂ€tzlich zur Nacktheit, noch klar erkenntlich eine sexuelle Handlung vollzogen werden oder die Absicht dazu bestehen.cite-ref-126[126] Trotz der im Prinzip liberalen gesetzlichen Regelung sind Ărtlichkeiten, in denen das Nacktsein ĂŒblich ist, verhĂ€ltnismĂ€Ăig rar â ausgenommen von inzwischen recht populĂ€r gewordenen Saunaanlagen, die auch in der Schweiz normalerweise textilfrei sind und einigen, meist nicht offiziellen BadeplĂ€tzen an FlĂŒssen und Seen. Gegen das Nacktwandern wurde im Kanton Appenzell Innerrhoden per Volksbeschluss ein Verbot erlassen, nachdem zuvor eine BuĂe von Fr. 100.- gegen einen Nacktwanderer wegen groben Unfugs auferlegt worden war.cite-ref-127[127] Die kantonalen Obergerichte von Bern und Appenzell Ausserrhoden sind der Meinung, dass die Sanktionierung der Nacktheit als VerstoĂ gegen öffentliche Ordnung in der Kompetenz der Kantone liegecite-ref-128[128] und kaum etwas mit dem Strafgesetz zu tun habe: In anderen Kantonen gibt es keine explizite ErwĂ€hnung wie in Appenzell Innerrhoden, jedoch steht jedermann eine Klage wegen Erregung öffentlichen Ărgernisses im Rahmen des Zivilgesetzes oder der Regelungen der PolizeiĂŒbertretungen offen.cite-ref-129[129]
Polen
In Polen wird die Nacktheit im öffentlichen Raum, teilweise auch an den öffentlichen StrĂ€nden, von Amts wegen verfolgt, wenn sie von AmtstrĂ€gern vor Ort oder ĂŒber VideoĂŒberwachungssystemecite-ref-130[130]cite-ref-131[131]cite-ref-132[132] bzw. sogar ĂŒber ortsfeste Geschwindigkeitsmessanlagencite-ref-133[133] festgestellt wird, ohne dass es GeschĂ€digte (belĂ€stigte Personen) gibt. Nach dem polnischen Vergehensgesetzbuch (kodeks wykroczeĆ) kann sie als Ungehörigkeitsvergehen mit Arrest, einer GeldbuĂe von bis zu 1500 PLN (ca. 360 âŹ) oder einer RĂŒge geahndet werden.cite-ref-134[134] Bei Frauen wird bereits âoben ohneâ als Ungehörigkeit bestraft. Dennoch versuchen junge, moderne Polen, sich ihre FreirĂ€ume zu schaffen und Orte zu finden, wo sie öffentlich nackt sein können. Dies wird auch als aktiver Protest gegen gesellschaftliche PrĂŒderie und rechtliche Sanktionierung von Nacktheit verstanden.
Spanien
Wenn weder ein Gesetz noch eine kommunale VerfĂŒgung die Nacktheit im öffentlichen Raum verbietet, kann Nacktheit in der Ăffentlichkeit nicht sanktioniert werden. Das befand in zweiter Instanz ein Gericht in Valencia im Fall eines NacktspaziergĂ€ngers.cite-ref-135[135]
Weitere LĂ€nder
Vor allem in der englischsprachigen Welt wird öffentliche Nacktheit teilweise stĂ€rker verfolgt. So ist es in den USA in vielen Bundesstaaten verboten, öffentlich die Genitalien sichtbar zu machen, fĂŒr Frauen gilt dies auch fĂŒr die Brustwarzen. Ausnahmen hiervon gibt es nur fĂŒr stillende MĂŒtter.cite-ref-136[136] Da das Verbot von Nacktheit sich in vielen Staaten auch auf Strandbereiche erstreckt, besteht die Möglichkeit, Genitalien und Brustwarzen zum Sonnenbaden mit sogenannten Pasties zu bedecken. Diese sind selbstklebend und ermöglichen es, Strafen wegen öffentlicher Nacktheit zu umgehen. Sie werden vor allem in den USA vertrieben.cite-ref-137[137]
Oben ohne
Seit 1978 dĂŒrfen Frauen in Berner FreibĂ€dern straffrei Oben ohne baden. Damals entschieden die Justizbehörden, das âEntblössen der weiblichen BrĂŒsteâ in FreibĂ€dern fortan nicht mehr zwingend als âschwere Missachtung des SittlichkeitsgefĂŒhlsâ zu verfolgen.cite-ref-138[138] Oben ohne zu sonnen und zu baden war an vielen Orten fĂŒr Frauen selbstverstĂ€ndliche Praxis.cite-ref-139[139] Nach einem Oben-ohne-Streit in Göttingen wurden in vielen deutschen Badeordnungen die Gleichberechtigung per âNippelfreiheitâ ausdrĂŒcklich formuliert.cite-ref-140[140]cite-ref-141[141]
In den 2000er-Jahren entstand unter dem Oberbegriff Topfreedom eine politisch-kulturelle Bewegung im Rahmen der Geschlechtergleichstellung, die sich dafĂŒr einsetzt, dass Frauen und MĂ€dchen das gleiche Recht haben sollten wie MĂ€nner und Jungen, sich in der Ăffentlichkeit mit nacktem Oberkörper (âOben ohneâ) zeigen zu können. Sie setzt sich zusĂ€tzlich fĂŒr das Recht von Frauen ein, in der Ăffentlichkeit zu stillen und oben ohne sonnenzubaden. Zugehörige Veranstalter und Organisationen sind unter anderem GoTopless und die Topfree Equal Rights Association in den USA und Kanada sowie in Schweden Bara Bröst und in DĂ€nemark die Topless Front. Ein Go Topless Day (auch National Go Topless Day, International Go Topless Day) wird zumeist um den US-amerikanischen Women's Equality Day am 26. August begangen.
Nacktheit als Bestandteil von Folter
Zur Kreuzigung wurden die Verurteilten bei den Römern entkleidet, so wie von Michael Triegel im Bild Karfreitag 1300 dargestellt. Die meisten Darstellungen zeigen Jesus jedoch nicht nackt am Kreuz, denn mit der Tabuisierung von Nacktheit durch den Vatikan wurden auch Michelangelos GemĂ€lde Die Kreuzigung Petri und Bilder in der Sixtinischen Kapelle ĂŒbermalt; Penisse von Statuen wurden durch FeigenblĂ€tter ersetzt.cite-ref-142[142]cite-ref-143[143]
Berichte ĂŒber Nacktheit als Bestandteil der Folter sind aus vielen LĂ€ndern bekannt. Unter anderem Belarus,cite-ref-144[144] China,cite-ref-145[145] der TĂŒrkeicite-ref-146[146] oder aus der Zeit der MilitĂ€rdiktatur in Brasiliencite-ref-147[147] und Chile unter dem Diktator Augusto Pinochet.cite-ref-148[148]
Die unfreiwillige Nacktheit zĂ€hlt zu der sogenannten WeiĂen Folter, da ihre unmittelbare Wirkung unsichtbar bleibt, jedoch die Psyche des Betroffenen dauerhaft schĂ€digen, zum Teil bis zum Suizid fĂŒhren kann. Die Erniedrigung des gefolterten Menschen durch Nacktheit war Teil der Folter.
Das öffentliche EntblöĂen gefesselter oder wehrloser Personen wurde auch missbraucht, um jemanden gefĂŒgig zu machen oder öffentlich zu erniedrigen, vergleichbar einem öffentlichen Pranger. Die Nationalsozialisten verwendeten diese Art der Folter, um Gefangene der Konzentrationslager bloĂzustellen.cite-ref-149[149]
Einen internationalen Skandal lösten Bilder aus dem Abu-Ghuraib-GefĂ€ngnis im Irak aus, die zeigten, wie amerikanische Soldaten sich einen SpaĂ daraus machten, Gefangene nackt zur Schau zu stellen. Auch im Fall Chelsea (damals Bradley) Manning wurde bekannt, dass die Gefangene unter Haftbedingungen inhaftiert war, unter denen sie gezwungen worden sei, nachts sieben Stunden lang nackt in ihrer Zelle auszuharren. Danach habe sie nackt vor ihrer Zelle antreten mĂŒssen.cite-ref-150[150]cite-ref-151[151]cite-ref-152[152]cite-ref-153[153]
Geistige Nacktheit
Im Wiener Dialekt wird mit ânacktâ sein âgeistige Nacktheitâ im Sinne von Unwissenheit oder EinfĂ€ltigkeit gemeint,cite-ref-154[154] wie in Georg Danzers Lied Jö schau dargestellt.
Mit seinem legendĂ€ren Ausspruch âDa bin ich supernacktâcite-ref-155[155]cite-ref-156[156]cite-ref-157[157] signalisierte (der Unternehmer und ehemalige Politiker der FPĂ) Walter Meischberger, dass er selber nicht wĂŒsste, wofĂŒr er eine Provision in der Höhe von 700.000 Euro bekommen hĂ€tte.cite-ref-158[158] Der Ausspruch entstammt den im Zuge von Recherchen zur BUWOG-AffĂ€re veröffentlichten Telefon-Abhör-Protokollen von Meischbergers TelefongesprĂ€chencite-ref-159[159] mit dem vormaligen österreichischen Finanzminister Karl-Heinz Grasser, die von der Wiener Wochenzeitschrift Falter abgedruckt werden durften (da sie Teil von drei parlamentarischen Anfragen geworden sind und dadurch öffentlich wurden und nunmehr auch auf der Website des österreichischen Parlaments öffentlich einsehbar aufscheinencite-ref-160[160]).
Diese geistige Nacktheit wurde auch von Alfred Polgar in seiner Theorie des CafĂ© Central beschrieben: âEs gibt CentralgĂ€ste, die psychisch nackt gehen, ohne daĂ ihre kindlich-unschuldsvolle BlöĂe eine MiĂdeutung als schamlos zu befĂŒrchten hĂ€tte.âcite-ref-161[161]
Unter âNackter als nackt komm ich zu Dirâ fĂŒhrte Siegfried Rudolf Dunde 1989 aus, warum der offene Gedankenaustausch ĂŒber gelebte SexualitĂ€t im Raum der christlichen Kirchen noch immer ein heikles Unterfangen sei.cite-ref-162[162]
Literatur
(chronologisch)
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âą Kerstin Gernig (Hrsg.): Nacktheit. Ăsthetische Inszenierungen im Kulturvergleich. Böhlau, Köln, Weimar 2002. ISBN 978-3-412-17401-9
âą Wilhelm Hornbostel (Hrsg.): Nackt. Die Ăsthetik der BlöĂe. Prestel, MĂŒnchen 2002. ISBN 3-7913-2635-X.
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âą Tobias G. Natter, Max Hollein (Hrsg.): Die nackte Wahrheit. Klimt, Schiele, Kokoschka und andere Skandale. Prestel, MĂŒnchen 2005, ISBN 3-7913-3284-8.
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âą Julia M. Asher-Greve, Deborah Sweeney On Nakedness: Nudity and Gender in Egyptian and Mesopotamian Art. In: S. Schroer: Images and Gender: Contributions to the Hermeneutics of Reading Ancient Art (= Orbis biblicus et orientalis. Band 220). Academic Press, Fribourg / Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, beide 2006, S. 125â176 (Volltext online).
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âą Tobias G. Natter, Elisabeth Leopold (Hrsg.): Nackte MĂ€nner. Von 1800 bis heute. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Leopold Museum Wien, Hirmer Verlag, MĂŒnchen 2012, ISBN 978-3-7774-5721-5.
Weblinks
Commons
: Nacktheit
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikiquote: Nacktheit
â Zitate
Wiktionary: nackt
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wiktionary: Nacktheit
âą Literatur von und ĂŒber Nacktheit im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Einzelnachweise
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